|
Badwater Race
- ein Laufbericht von
Friedhelm Weidemann, Teilnehmer
beim Badwater Ultramarathon 2006
Am 3. Januar wird die Internet Seite des Rennens eröffnet und man kann
sich um eine der begehrten 90 Startnummern bewerben. Man muss alle
möglichen Kriterien erfüllen, wie z.B. mindestens drei 100 km Läufe oder
mehr. Meine 178 gelaufenen Marathons zählen hier nicht. Ich melde mich
an und schicke die Kopien meiner Urkunden sowie die Startgebühr von
395,00 $ und eine Spende von 1.500,00 $ für eine wohltätige Institution
in die USA. Denn 10 Startnummern von den 90 werden zunächst bevorzugt an
Spender ausgegeben. Am 19. Januar bekomme ich schließlich eine E-Mail
von Chris Kostman, dem Race Director. Er gratuliert mir zu meiner
Startnummer für das härteste Rennen, das Mutter Natur zu bieten hat!
Hurra, ich bin dabei!
Es gilt eine Strecke von 217 km (135 Meilen) vom tiefsten Punkt (-85 m)
der USA, Badwater im Death Valley, hinauf zum Portal des Mt. Whitney
(+2.530 m) zu laufen, dem höchsten Berg in der Sierra Nevada. Dazwischen
liegen 3.962 m Aufstiege. Das ganze im Juli, wenn es im Death Valley am
heißesten ist. Über 50° C im Tal des Todes, mit gemessenen 56,7 ° C
neben der lybischen Wüste der heißeste Ort weltweit. Die Strecke muss in
höchstens 60 Stunden bewältigt werden. Diesen Lauf gibt es seit 1977.
Sein Erfinder Al Arnold hat damals 84 Stunden gebraucht. Seit 1991 haben
immer mal wieder Deutsche, Österreicher und Schweizer daran
teilgenommen, insgesamt 32, einige davon auch mehrmals und nun darf ich
daran teilnehmen, unglaublich!
Nun heißt es gesund bleiben und ordentlich zu trainieren. Den ersten
Marathon in diesem Jahr laufe ich im alten Elbtunnel in Hamburg, wie in
jedem Jahr. Bei - 11 ° C habe ich hier genau das Gegenteil zum Death
Valley. Da die elektronische Rundenzählung nicht vernünftig
funktioniert, laufe ich fast 50 km, aber das kann ja nichts schaden.
Beim Training in München habe ich bis April mit Eis und Schnee zu
kämpfen und so laufe ich nur noch mit meinen schwedischen „ice bugs“
Spikeschuhen, ich komme mir vor, als wenn ich für ein Rennen in Alaska
trainiere.
Anfang Februar buche ich unsere Flüge nach Las Vegas, die von Woche zu
Woche teurer werden. Als supporter crew werden mich Erika, Nick, Torsten
und Bernhard begleiten. Vom Veranstalter sind mindestens 2
Begleitpersonen (supporter) vorgeschrieben.
Die Motels in Stovepipe Wells und in Lonepine (Death Valley) buche ich
ziemlich bald, da die Plätze dort sehr schnell knapp werden können, laut
Chris Kostman.
Anfang März wird die Teilnehmerliste veröffentlicht, es sind 13 Deutsche
am Start, von denen ich Eberhard Frixe und Uli Weber kenne, beides alte
Hasen im Death Valley.
Mein Training wird erhöht auf monatlich wenigstens 400 km. Ein 60 km
Rennen laufe ich in Lilienthal. Die 115 km entlang des Elbe-Seitenkanals
laufe ich im Training ab, begleitet von Nick (mit dem Fahrrad!) und
Lauffreund Otto. Wir haben uns einen sehr windigen Tag Anfang April dazu
ausgesucht, erreichen aber unser Ziel nach gut 15 Stunden. Versorgt
werden wir zunächst von Felix und dann von Bernhard, für den dies auch
eine Vorbereitung für „badwater“ ist. Bei diesem Lauf probiere ich
erstmals Babynahrung aus, die sich sehr gut bewährt. Ende April steht
der Hamburg Marathon auf dem Programm. Während des Rennens und danach
plagen mich Schmerzen im Knie, die typischen Symptome des so genannten
Läuferknies. Eine Überreizung unterhalb der Kniescheibe durch zu viel
Laufen. Ein Besuch beim Orthopäden bringt mich auch nicht entscheidend
weiter. Schmerztabletten und Einlagen stehen auf dem Rezept. Etwas
weniger Training und neue Schuhe bringen Linderung und die Motivation
geht wieder hoch, es sind noch 2 Monate bis zum Abflug. Auch Eberhard
hat es erwischt, er muss am Knie operiert werden und seine Teilnahme am
„badwater race“ absagen.
Beim Iselauf am 28. Mai, über 44 km, kann ich schon wieder schmerzfrei
laufen und so laufe ich gleich 1 Woche später in Stockholm wieder
Marathon und dazwischen noch einen im Training in München. Somit 3
Marathons in einer Woche und das Knie hält!
Einen guten Vorgeschmack auf Hitze bekomme ich bei unserem Marathon in
Stüde, am 25. Juni. Ich komme recht gut durch und belege den 7. Platz
von 65 Läufern. Die letzten Wochen vor dem Rennen herrscht in
Deutschland Hochsommer, so dass ich schon eine gesunde Bräune bekomme,
was sicherlich von Vorteil im Death Valley ist.
Nun läuft auch der Countdown auf der Badwater Website: Noch 13 Tage, 23
Stunden und 39 Minuten bis zum Start, so die Anzeige! Langsam werde ich
unruhig. Hab ich genug trainiert, stimmt die Ausrüstung etc.? Am
Wochenende hab ich schon einmal das Wichtigste zusammen gesucht.
Bergsteigernahrung von Reiter ist eingetroffen, damit hatten wir beim
„Marathon des Sables“ sehr gute Erfahrung gemacht. Auch Blasenpflaster,
Jod, Verbandsmaterial, Schmerzmittel und Salbe, sowie Sonnenschutzmittel
(Faktor 50) hab ich in der Apotheke besorgt. Der Wasserkocher für die 12
Volt Autobatterie wird ausprobiert um das Essen im Death Valley
zuzubereiten. Erdinger Weißbier hat mir einen grellblauen Sonnenschirm
für die Pausen zugeschickt, ebenso ist ein Grill im Gepäck. Warnwesten
und Lampen, 3 Paar Schuhe (eines in Größe 49!!!), kurze und lange
Laufkleidung, Trinkflaschen, Handtücher zum Kühlen und mal sehen, was
mir noch alles einfällt. Nicht zu vergessen, die Deutschlandflagge! Es
macht mir Sorge, wie das alles in den Chrysler Voyager hineinpassen
soll. Denn wir haben ja auch noch Gepäck von 5 Personen, Kühlboxen und
Unmengen von Wasserkanistern. Aber bei den anderen klappt das ja auch
und wenn ich mir Sorgen mache, laufe ich einfach 20 km und alles ist
wieder easy!
Eine Woche vor Abflug laufe ich meinen letzten Trainingsmarathon an der
Isar sowie eine Trainingseinheit am Chiemsee mit anschließenden Bad im
See. Ein herrlicher Trainingsabschluss!
Ich arbeite bis einen Tag vor Abflug und gönne mir noch eine Fußpflege
und Beinmassage, damit mein Arbeitswerkzeug auch topfit ist.
Am Donnerstag, den 20. Juli, Nick hat gerade Ferien bekommen, geht es
mit einem Airport Shuttle bequem zum Flughafen nach Hannover. Das
Einchecken bei der Lufthansa ist doch etwas umfangreicher und es dauert
bestimmt 20 Minuten bis unsere 9 Gepäckstücke aufgegeben sind und wir
alle Bordkarten bis Las Vegas haben. Zur großen Überraschung sind Hannes
und Sabine zum Verabschieden zum Flughafen gekommen. Sie wünschen uns
viel Glück für das Rennen, was wir gut gebrauchen können. Es geht
zunächst nach Frankfurt, wo wir eine vollbesetzte Boeing 767 der Condor
besteigen. Nach 11 Stunden Flugzeit, 2 Mahlzeiten und 2 Spielfilmen
landen wir komfortabel in Las Vegas/ Nevada. Im Landeanflug zeigt der
Bildschirm an, dass es noch 135 Meilen bis zum Ziel sind mit einer
verbleibenden Flugzeit von 22 Minuten. Da fallen mir gleich die 135
Meilen des Rennens ein, wo ich dann doch etwas länger brauchen werde.
Die Einreise geht ganz flott, obwohl seit 2 Jahren Fingerabdrücke und
Passfotos genommen werden. Bei der Gepäckausgabe fehlt uns allerdings
ein Koffer, nämlich der Koffer von Nick. Man versichert uns, dass er
noch heute Abend ins Hotel geliefert wird, da sind wir mal sehr
gespannt.
Das Wetter in Las Vegas ist zwar sehr warm (38 ° Cel.), aber auch sehr
bewölkt und windig. Bei der Autoübernahme, bei der Firma Thrifty stellen
wir fest, dass der bestellte Chrysler Voyager für unser Vorhaben zu
klein ist und so nehmen wir die größte Kategorie, einen 8 Zylinder Ford
Van, 1.150,00 Dollar für 12 Tage!
Im Excalibur Hotel mit seinen 4.000 Zimmern liegt das Paket mit meinen
Race Schildern von E.ON US bereit zur Abholung. Ein Bad im Hotel Pool
und Whirlpool, zur Entspannung nach dem langen Flug und schon stürzen
wir uns ins Leben auf den Strip. Essen im eisgekühlten Harley Davidson
Cafe’ und dann nur noch schlafen in unseren Queensize Betten. Der
Freitagmorgen empfängt uns dann Las Vegas like mit strahlend blauem
Himmel, ein Läufchen vor dem Frühstück und dann das erste Mal
Spiegeleier mit Speck. Der fehlende Koffer ist natürlich nicht über
Nacht angekommen so wie versprochen. Eine Nachfrage am Flughafen ergibt,
dass der Koffer noch in Chicago steht und wegen Unwetter nicht
weiterfliegen konnte. Nun soll er uns ins Death Valley nachgeschickt
werden, sind wir dann wieder sehr gespannt.
Nun heißt es einkaufen für die nächsten Tage und das Rennen. Aber wir
fahren zunächst zum El Monte Wohnmobil Verleih, wo wir vor einigen
Jahren schon mehrfach Wohnmobile gemietet hatten. Dieses Mal brauchen
wir zwar kein Wohnmobil, dafür aber einen Lagerplatz für eine Sitzbank
aus unserem Auto, die überflüssig ist. Der Chef von El Monte lässt sich
darauf ein und schon haben wir einen riesigen Stauraum im Auto.
Nun geht es zu Walmart, wo wir 3 große Einkaufswagen brauchen, um alles
zu transportieren. Wir kaufen allein 120 Liter Trinkwasser ein, einen
Liegestuhl für mich, 2 Eisboxen, eine große Wasserpistole für Nick und
jede Menge Verpflegung für insgesamt 270,00 Dollar.
Nach einer Abschiedsrunde durch Las Vegas verlassen wir Nevada und
erreichen das Death Valley in Kalifornien am frühen Abend. Es ist um
diese Zeit noch ziemlich heiß. Nick, unser Temperatur Beauftragter,
misst 46 ° C. Das Tal erhielt seinen Namen, nachdem 1849 zwei Gruppen
von Reisenden mit insgesamt 100 Wagen eine Abkürzung des Old Spanish
Trail suchten und dabei in das Tal gerieten. Nachdem sie wochenlang
keinen Ausweg aus dem Tal gefunden hatten und bereits gezwungen waren,
mehrere ihrer Ochsen zu verspeisen (wobei sie das Holz der Wagen als
Brennholz verwendeten), ließen sie ihre restlichen Wagen zurück und
verließen das Tal, dabei drehte sich eine der Frauen um und rief dem Tal
ein „Goodbye Death Valley“ hinterher. Trotz einer weit verbreiteten
Legende kam niemand aus der Gruppe bei der Taldurchquerung um’s Leben
(bis auf einen Greis namens Culverwell, der schon beim Betreten des
Tales sterbenskrank gewesen war). Die Ureinwohner, die Timbisha Shoshone
Indianer, nannten das Land „Tomesha“, was soviel bedeutet wie
„Brennender Boden“. Und hier sind wir nun auf diesem brennenden Boden.
Wir beziehen ein Motel in Stovepipe Wells (Ofenrohrbrunnen).
Unsere geräumigen Zimmer sind soweit runtergekühlt, dass es fast schon
zu kalt ist. Heute Abend gibt es gegrillten Fisch von unserem
mitgebrachten Grill, dazu leckeren, frischen Salat.
Am nächsten Morgen machen wir frühmorgens um 06:30 Uhr unseren ersten 10
km Testlauf, der Liter Wasser pro Person reicht gerade so aus bei dieser
morgendlichen Hitze. Nach einem ausgiebigen Frühstück im eiskalten
Dinnerroom, besichtigen wir das Mosaik Tal, ein sehenswertes
Naturschauspiel oberhalb von Stovepipe Wells. Die Bewegungen bei dieser
Hitze sind recht langsam und behäbig, trotzdem geht der Puls deutlich
nach oben. Wir fahren die 27 km hinauf zum Townes Pass in 1.600 m Höhe,
hier muss ich übermorgen hochlaufen. 27 km können lang sein! Hier oben
ziehen plötzlich dunkle Wolken auf und es regnet, ziemlich ungewöhnlich
für diese Jahreszeit, aber sehr erfrischend für uns. Als wir dann
nachmittags am 36 ° warmen Pool relaxen, ziehen plötzlich auch Wolken
auf und ein heißer Sandsturm überfällt uns mit einigen Tropfen Regen,
das Thermometer zeigt 50 ° C an, total unmenschlich. Am Pool trifft man
einige Teilnehmer des Rennens und ich kann mir einige Tipps von denen
holen, die schon einmal hier waren. Am Start ist in diesem Jahr auch
Mary Kashurba aus Pennsylvania, im vergangenen Jahr war sie als
Rennärztin dabei und hat sehr viel Erfahrung. Heute Nachmittag wird doch
tatsächlich der Koffer von Nick nachgeliefert und so hat der Junge jetzt
wieder genug zum Anziehen. Als wir abends wieder grillen, heute gibt es
Rindersteaks und Hähnchenbrust, sind es noch immer 45 ° C. Unsere Dusche
im Motelzimmer hat als kälteste Temperatur, wenn man den Hahn für
Kaltwasser aufdreht, 32 ° C. Der Sonntag, der letzte freie Tag vor dem
Rennen, ist wieder schön sonnig. Ein letzter 10 km Lauf und relaxen am
Pool ist angesagt. Mittags geht es dann noch zur Startnummernausgabe und
Besprechung nach Furnace Creek. Hier treffen wir alle Läufer und ihre
Crews, es sind in diesem Jahr 85 am Start. Jeder Läufer und jedes
Crewmitglied bekommt ein Badwater T. Shirt und ich als Läufer zusätzlich
eine ganze Tüte voller nützlicher und unnützer Sachen.
Chris Kostman, der race director, und der Oberranger des National Parks
erklären noch einmal die Regeln des Rennens und auf was wir achten
müssen. Die Rennärztin gibt auch noch einige nützliche Ratschläge und es
werden einige altbekannte Läufer geehrt. Schließlich ein Foto mit allen
Teilnehmern und auf Wiedersehen bis zum Start um 06:00 Uhr.
Wir fahren noch hinauf auf 1.700 m Höhe zum Dantes View, von wo aus wir
die ersten Kilometer der Rennstrecke sowie die ganze Weite des Death
Valley sehen können.
Am Abend werden alle Sachen geordnet, das Auto getankt, 6 Säcke Eis
gekauft, Zehen abgetaped und noch einmal ordentlich im Restaurant
gegessen.
Um halb vier ist die Nacht vorüber, denn wir müssen noch fast 1 Stunde
bis zum Start fahren, dort müssen wir pünktlich um halb sechs sein. Wir
kommen pünktlich an, am tiefsten Punkt Amerikas in badwater, 85,5 m
unter dem Meeresspiegel. Das Ziel in 217 km Entfernung, den höchsten
Berg der Sierra Nevada, den Mt. Whitney, kann man von hier noch nicht
sehen. Ich gehöre zur Ersten der drei Startgruppen. Es werden noch die
obligatorischen Startfotos gemacht und noch ist jeder gut drauf und
hochmotiviert. Bevor Chris den erlösenden Startschuss gibt, spielt ein
Teilnehmer die Nationalhymne auf einer Trompete. Ein tolles Szenario in
dieser gottverlassenen Einöde. Sechs Uhr, Startschuss, super pünktlich,
der Moment, auf den ich ein halbes Jahr gewartet habe.
Die Temperaturen sind noch sehr angenehm um diese Zeit, denn die Sonne
steht noch hinter den Funeral Mountains (Beerdigungsgebirge) rechts von
mir. Das irre Rennen ist gestartet für ein Häuflein Laufwahnsinnger aus
der ganzen Welt. Der Kurs ist leicht wellig und ich komme zügig voran,
meine Crew ist schon ein ganzes Stück voraus gefahren, denn zu diesem
Zeitpunkt benötige ich noch keine Hilfe, doch das wird sicher anders
werden. Ich laufe einige Kilometer zusammen mit Michael Knob, der schon
zweimal als supporter dabei war und es dieses Mal selbst wissen möchte.
Dann lasse ich mich wieder zurückfallen, Michael ist mir etwas zu
schnell. Dann hänge ich mich an Jim ran, der auch schon das dritte Mal
hier ist. Alle paar Kilometer lasse ich mich verpflegen und nach einer
Stunde leistet mir dann auch die heiße Sonne Gesellschaft. Ab sofort
reicht mir meine Crew immer wieder eiskalte, nasse Tücher aus der
Eisbox, die ich mir um den Nacken und unter die Mütze lege. Erstaunlich
ist, dass solch alte Hasen wie Jim schon auf den ersten Kilometern
Gehpausen einlegen. Sein wichtigster Tipp ist: „Never give up“! Ich
nehme mir ein Beispiel und lege auch kurze Gehpausen ein, denn den Mt.
Whitney möchte ich schließlich nicht in einer Rekordzeit erreichen,
sondern in den vorgegebenen 60 Stunden. Nach einer Stunde komme ich an
einem Hinweisschild vorbei, das den „devils golf course“ ausweist, ein
sehr zutreffender Name für diese Gegend. Schnell weiter, denn der Teufel
soll mich so schnell nicht einholen. Jetzt kommen uns auch die Fahrzeuge
der acht und zehn Uhr Starter entgegen. Ich werde aus den fahrenden
Autos bejubelt und beklatscht, als wenn ich schon im Ziel wäre. Das Feld
der Läufer ist schon ziemlich auseinander gezogen und von vorn weht um
diese Zeit ein angenehmer Wind, ich fühle mich gut. Die Sonne steigt
höher und höher, ich lasse mich mit Sonnenschutzfaktor 50 eincremen. Der
Pulsmesser zeigt 130 – 135 Schläge an, beim Gehen 100. Ich denke jeder
Arzt wäre hochzufrieden. Mein supporter Team funktioniert supergut, auf
Zuruf alles für mich vorbereitet, ob Wasser, Wasser mit Zitrone, Iso
oder Cola. Es bleiben keine Wünsche unerfüllt. Rechts von mir die
Funeral Mountains, von wo wir gestern noch hinabgeschaut haben. Links
die Panamint Range und dazwischen das 10 – 15 km breite „Tal des Todes“,
wo ich mich wie eine Schnecke in Richtung Norden bewege. Da kommt auch
mal wieder Nick mit seiner Mega Wasserpistole und verschafft mir Kühlung
mit Eiswasser. Nach dreieinhalb Stunden bin ich an der ersten von fünf
Kontrollstellen in Furnace Creek, bei Kilometer 28. Furnace Creek heißt
soviel wie „Ofenbach“, was sicher nicht ganz abwegig ist. Ich werde
registriert und meine Crew kauft frisches Eis ein und beschwatzt den
Eisverkäufer, dass ich ein paar Minuten in den Eiscontainer darf.
Gesagt, getan, wahrscheinlich die geilsten 3 Minuten in diesem Rennen.
Dann noch ein paar Minuten auf meiner blauen Liege, die ich immer mehr
lieb gewinne. Kalte, nasse Tücher um Beine und Arme kühlen mein Blut
herunter. Der nächste Checkpoint ist 40 km entfernt, nämlich Stovepipe
Wells, wo wir uns schon gut auskennen. Dieses Stück gilt unter vielen
Läufern, die schon einmal hier waren, als das Härteste. Die Temperatur
geht hoch, die Gehpausen werden länger, aber mit jedem Schritt komme ich
dem Mt. Whitney näher. Nach etwa 6 Stunden habe ich den ersten Marathon
im Sack, jetzt sind es nur noch gut 4 weitere. Es sind jetzt 49 ° C, ich
wechsele die Schuhe und trage jetzt Schuhgröße 49, da die Füße in der
Hitze aufquellen. Die so genannten Feuerwinde, die mir entgegen wehen,
kann man damit vergleichen, als wenn man in einen geöffneten Backofen
schaut, unglaublich! Jetzt bekomme ich auch immer wieder erfrischende
Eisschwämme für den Kopf, denn sehr schnell kann man hier einem
Hitzschlag erliegen. Ich trinke Unmengen von Wasser und Cola. Caprisonne
Kirsch habe ich für mich entdeckt, eiskalt serviert ist das der absolute
Genuss. Eigentlich waren die für Nick gedacht, aber der muss jetzt was
anderes trinken, was er aber gern macht, denn er ist mit Leib und Seele
supporter und kniet sich voll rein. Ich laufe mal wieder auf Michael
Knob auf, auch er macht seine Pausen. Nach 7 Stunden Laufen kommt
endlich einmal ein Schild, noch 14 Meilen bis Stovepipe Wells. Solche
Schilder sind ganz wichtig für den Kopf, denn dieses Rennen wird
überwiegend im Kopf gelaufen. Heute Morgen habe ich praktisch einen
Hebel umgelegt und das Gehirn hat das Kommando an die Beine gegeben:
Laufen bis zum Mt. Whitney und nun macht mal! Das heißt, es ist jetzt
noch ein guter Halbmarathon bis Stovepipe und das sollte ich bis zum
späten Nachmittag schaffen. Alle paar Kilometer nehme ich jetzt eine
wohlverdiente, kurze Pause und lege mich unter den blauen Erdinger
Weißbier Schirm in den Schatten und erhole mich so gut es geht. In den
Rennregeln gibt es einen Punkt, der sich „staking out“ nennt. Ich hatte
beim „Runners check in“ eine Holzlatte bekommen, angespitzt, am Ende
meine Nr. 65. Staking out bedeutet, wenn’s nicht mehr geht, steckt man
die Latte an den Straßenrand und kann die Rennroute verlassen, z.B. um
den Arzt aufzusuchen. Später darf man genau an dieser Stelle
weiterlaufen. Ich hoffe, dass ich die Holzlatte nicht brauche!
Auf der Straße begegne ich allen möglichen Testwagen-Prototypen von
Mercedes, Mini Cooper und Geländewagen einer unbekannten Marke, die
diese Hitze für ihre Tests nutzen. Jetzt laufe ich ein Stück mit
Hildegard Dopplmayr aus Österreich, sie wird von ihrem Mann Michael
begleitet, der hier schon selbst dreimal gelaufen ist. Michael Knob ist
jetzt hinter mir. Er hat sich schon die Schuhe aufgeschnitten, wegen
irgendwelcher Blasen, die ihn plagen. Auch bei mir entwickelt sich da
irgendetwas, aber es ist noch auszuhalten. Unterwegs ein
Touristenreisebus, am Straßenrand steht ein Berliner der es gar nicht
fassen kann was wir hier treiben. Er fragt mich aus, schießt einige
Fotos und wünscht mir weiterhin viel Glück, was ich gut gebrauchen kann.
Mittlerweile trage ich auch ein langärmeliges Shirt, das meine Haut vor
der glühenden Sonne schützt, zudem wird der Kopf durch meine Wüstenmütze
mit dem Nackenschutz kühl gehalten, damit ich hier keinen Sonnenstich
bekomme, denn das wäre das Aus. Nachmittags um drei kann ich erstmals am
flimmernden Horizont die Dünen und Stovepipe Wells sehen. Ein tolles
Gefühl, aber man darf sich nicht täuschen lassen, es sind immer noch 10
Meilen bis dorthin. Es wird Zeit, dass wir nach Stovepipe kommen, denn
unser Eis in den beiden großen blauen Boxen geht langsam zur Neige. Nach
11 Stunden und 32 Minuten bin ich endlich dort. Hier die zweite
Zeitmessstation, eine kleine Oase in dieser Einöde. Meine Crew kauft
ein, tankt und kocht Essen. Ich dagegen mache nichts und genieße den
brühwarmen Pool mit der anschließenden Dusche. Im Pool machen mir
Beinkrämpfe zu schaffen, die ich nun gar nicht gebrauchen kann. Dann
zwingt man mich zum Essen, obwohl ich scheinbar keinen Hunger habe, aber
ein Nudeltopf muss sein und tut mir auch gut. Ein Doktor versorgt meine
Blasen, mir wird schwindelig und ich muss eine halbe Stunde flachliegen.
Zur gleichen Zeit kommt die Vorjahressiegerin, Pam Reed,
hereingestolpert. Sie ist um 10:00 Uhr gestartet und ist hier bereits am
Ende, sie gibt auf! Mein Körper wird doch wohl jetzt nicht auch streiken
aber ein kaltes Bier und eisgekühlte Pfirsiche aus der Dose machen mich
wieder fit für die bevorstehende Nacht. Fast 2 Stunden hat mich die Rast
in Stovepipe gekostet, aber dafür geht es mir jetzt wieder super. Hier
erfahre ich, dass Klaus Micka, auch ein Wiederholungstäter aus
Deutschland, bereits ausgestiegen ist. Auch Michael hat seine Probleme,
er selbst hat Hitzekrämpfe und seine Crew ist auch nicht mehr fit und
braucht eine längere Pause. Meine Crew dagegen ist nach wie vor fit und
hochmotiviert mich weiter an zu treiben.
Die Sonne geht unter und ich muss jetzt
die 1.500 Höhenmeter und 27 km den Townes Pass hinauf. Die Sonne ist
zwar weg, die Temperaturen sinken leider nur unwesentlich, aber
zumindest ist die brennende Sonne weg.
Ich starte einigermaßen gestärkt in diese erste Nacht. Eine Zweite wird
folgen, aber daran möchte ich jetzt noch nicht denken. Step by Stepp ist
die Devise! Jetzt bei der Dunkelheit müssen wir alle Warnwesten und
Lampen tragen, denn wir sind ja nicht allein auf der Straße. Die
supporter Fahrzeuge mit ihren eingeschalteten Scheinwerfern sehen aus
wie eine leuchtende Perlenkette. Die Straße ist kilometerlang
schnurgerade und ich laufe praktisch eine schiefe Ebene hinauf. Nick
begleitet mich einige Kilometer bergauf, denn zu diesem Zeitpunkt ist
Begleitung erlaubt, zu Anfang des Rennens nicht. Nick motiviert mich und
meint ich soll, wenn ich müde und kaputt bin, an den bevorstehenden
Urlaub in Dänemark denken.
Ja auch so kommt man über das Rennen. Anschließend begleitet und
unterhält mich Torsten auf diesen unendlich erscheinenden 27 Kilometer.
Aber ich werde auch entschädigt, denn es ist ein supertoller klarer
Sternenhimmel über uns. Die Sterne scheinen hier näher zu sein als zu
Hause. Bergauf läuft kaum jemand, jeder trottet vor sich hin, manch
einer schläft auch am Straßenrand. Je höher wir kommen desto kühler wird
es und somit zunehmend angenehmer. Wenigstens etwas! Als wir das Schild
elevation 3000 (1000 HM) erreichen, gönnen wir uns eine halbe Stunde
Schlafpause um dann im Endspurt den Pass hochzustürmen, den wir nachts
um 02:00 Uhr erreichen. Auf meinem Liegestuhl nicke ich blitzartig ein.
Ich schlafe unruhig und werde vorzeitig wach, mit Krämpfen in der Hüfte,
hier entsteht der Spruch: Da wird das Bein in der Pfanne verrückt.
Eigentlich war eineinhalb Stunden Schlafen vereinbart, aber ich will
weiter und wecke meine Crew. Pech gehabt, Leute! Ich springe auf und
laufe schlaftrunken weiter. „Packt mein Zeug zusammen und kommt nach “,
rufe ich Bernhard zu. Ich finde ziemlich schnell mein Tempo und kann
jetzt „ausgeschlafen“ richtig Gas geben. Schon erstaunlich was eine
Stunde Schlaf bewirken kann. Die nächsten Meilen geht es nur bergab
hinein ins nächste Tal, dem Panamint Valley. Kurze Zeit später taucht
auch meine Crew wieder auf und Torsten begleitet mich. Hier treffen wir
auf Thorsten Treptow aus Köln, der auch schon zum dritten Mal dabei ist.
Wir sind alle gut drauf, wenn nur die Blasen nicht wären. Ich bekomme
eigentlich selten Blasen, aber beim Badwater ist alles anders,
sicherlich hängt dies mit der hohen Asphalttemperatur von 70 ° C
zusammen. Aber wie das so ist, je länger man läuft, desto weniger spürt
man den Schmerz.
Die Lichter von Panamint Springs, wo der nächste Checkpoint ist, können
wir schon aus 20 km Entfernung erkennen. Es ist auch eine Eigenheit
dieses Laufes, ständig war das nächste Ziel auszumachen, aber erreichen
konnte man es lange nicht. Panamint Springs hatten wir als Frühstücksort
auserkoren, um 06:00 Uhr macht das Restaurant dort auf. Die Ebene vor
Panamint Springs zieht sich endlos hin. Uns kommt der mobile Blasen
Service (blister repair service) entgegen, ich verabrede mich mit der
Lady für eine Behandlung nach dem Frühstück. Jetzt ist erst einmal
Hildegard Dopplmayr mit einer Blasenbehandlung dran. Sie wird direkt
neben der Straße behandelt, ihre Füße sehen furchtbar aus. Ich treffe
sie später heulend in Panamint Springs wieder, aber auch sie wird das
Rennen beenden. Als ich in Panamint Springs ankomme, es sind 25 Stunden
und 31 Minuten seit dem Start vergangen, ist auch schon der blister
repair service vor Ort. Gillian, so heißt die Lady, empfiehlt mir
zunächst zu duschen und das aufgeweichte und verklebte Pflaster unter
dem Fuß zu entfernen. Der Veranstalter hat ein Zimmer angemietet, wo
jeder duschen kann. So sieht es natürlich dementsprechend aus,
bergeweise schmutzige Handtücher und die Dusche darf man sich nicht zu
genau ansehen. Auch Erika nutzt die Gunst der Stunde zum duschen. Sie
reißt mir das alte Pflaster mit Hautfetzen vom Fuß ab, denn das bekomme
ich selbst nicht hin. Ein wirklich schönes Gefühl, wenn der Schmerz
nachlässt. Zwei fette Blasen unter den Fußballen, der rechte große Zeh
ist befallen und der mittlere Zeh am rechten Fuß ist grün und blau und
gar nicht mehr als Zeh erkennbar. Gillian macht einen guten Job, aber
mir wird wieder schlecht, genau wie in Stovepipe und ich brauche etwas
Ruhe. Drei Spiegeleier, Orangensaft und eiskalte Milch, danach eine
halbe Stunde relaxen auf der klimatisierten Terrasse, dann geht es
weiter. Bernhard schneidet mir die Schuhe vorne auf, damit die kaputten
Zehen nirgends mehr gegenstoßen können. Hier in Panamint Springs
erfahren wir, dass Michael Knob, Uli Weber und Thorsten Treptow
aufgegeben haben. Uli erzählt uns, dass es so hart wie in diesem Jahr
wohl noch nie war. Normalerweise beträgt die Luftfeuchtigkeit 2 – 3 %
und in diesem Jahr sind es über 20 %. Ich kann es nicht beurteilen und
will eigentlich nur ins Ziel kommen. In Panamint Springs gibt es kein
Eis mehr, das heißt auf den nächsten 80 km bis Lone Pine gibt es auch
nichts mehr. Uli verspricht uns, Eis aus Lone Pine zu holen, außerdem
erbe ich seine Koffeintabletten. Um halb zehn ziehen wir weiter. Die
nächsten 15 Meilen geht es nun wieder über 1.000 Höhenmeter hinauf. Der
Aufstieg nimmt und nimmt mal wieder kein Ende. Mittags um 12:00 Uhr habe
ich den 3. von 5 Marathons geschafft. Holger Fingernagel, den ich vom
Marathon des Sables kenne und der in diesem Jahr ein medizinisches
Projekt betreut, besucht uns und spricht mir Mut zu. Wenn einer die
Strecke kennt, dann er und er meint, ich hätte es so gut wie geschafft.
Das motiviert doch. Kurze Zeit später kommt auch Uli aus Lone Pine mit
dem ersehnten Eis zurück.
VIELEN DANK!
Am Nachmittag verlassen wir den Nationalpark Death Valley und erreichen
um viertel vor fünf den Checkpoint bei Meile 90, es ist dieses Mal nur
ein freistehender Pavillon auf freier Strecke. Hier ziehen plötzlich
dunkle Wolken auf und es fängt tatsächlich an zu regnen, Blitze zucken
vom Himmel und ich lege eine willkommene halbstündige Pause ein. Nach
dem Regen misst Nick 28 ° C. Nun geht es in die letzte Nacht und es
liegen noch 32 Meilen vor mir, bis Lone Pine, wo wir frühstücken
möchten. Die Nacht ist der Hammer, die Müdigkeit kommt unaufhaltsam.
Cola, Red Bull und Koffeintabletten geben ihr bestes um mich wach zu
halten. Ab und zu eine kurze Schlafpause, der Körper schläft zwar, aber
der Kopf läuft weiter. Meist wache ich schon nach wenigen Minuten von
allein wieder auf. Torsten begleitet mich die ganze Nacht und versucht
mich zu unterhalten. Einige Male gerate ich ins torkeln und muss mich
zusammenreißen. Am Horizont schon die Silhouette der Sierra Nevada mit
dem höchsten Berg, dem Mt. Whitney, dem Ziel meiner läuferischen Träume.
Es herrscht eine himmlische Ruhe und über uns wieder der unglaubliche
Sternenhimmel mit den vielen Sternschnuppen. Wir wissen schon gar nicht
mehr was wir uns wünschen sollen. Bernhard kommt auch mal wieder mit dem
Blasenreparaturset in Einsatz, es gibt zwei neue Blasen, diesesmal am
Hacken. Bernhard sticht auf und taped ab, jetzt schmerzen die Füße
rundherum bei jedem Schritt. In dieser Nacht begrabe ich meine Idee, am
kommenden Sonntag den San Francisco Marathon zu laufen, das werde ich
Torsten und Bernhard überlassen.
Wir können Lone Pine schon aus 20 Meilen Entfernung sehen, aber
irgendwie kommen die Lichter mal wieder überhaupt nicht näher. Auch die
Serpentinen hinauf zum Mt. Whitney können wir schon erkennen, dort wird
es Morgen den Endspurt geben. Die Luft ist ziemlich drückend durch den
Regen am Abend und ich laufe die ganze Nacht mit freiem Oberkörper, nur
mit der dünnen Warnweste bedeckt. Je näher Lone Pine kommt, desto besser
wird meine Stimmung und auch die Kondition kehrt zurück. Im Morgengrauen
erreichen wir den Highway 395, der Los Angeles und Bishop verbindet und
von hier sind es noch 3 km durch Lone Pine bis zum letzten Checkpoint am
Dow Villa Motel. Meine Zeit von 48 Stunden und 5 Minuten wird
registriert. Ich habe Hunger wie ein Wolf und frühstücke Spiegeleier mit
Speck und Bratkartoffeln, das ganze wird runtergespült mit zwei großen
Bechern heißem Kaffee. Ich bin wieder gut drauf und greif die letzten 13
Meilen an, es liegen noch 1.400 Höhenmeter vor mir. Nick drängelt schon,
denn er hat seit gestern Hochrechnungen für meinen Zieleinlauf
aufgestellt und da sind keine langen Pausen vorgesehen. Die ersten
Meilen geht es ganz locker durch die vorgelagerten Alabama Hills, diese
Berge sehen aus wie übereinander gestapelte Findlinge, ein einmaliger
Anblick in der frühen Morgensonne. Hier gelingt es mir sogar noch eine
Läuferin zu überholen. Vor mir immer der mächtige Mt. Whitney, links von
mir ein reißender Gebirgsbach, also das krasse Gegenteil zu den
vergangenen 48 Stunden im Death Valley. Bevor es auf Serpentinen richtig
steil hinauf geht, holt mich die verdammte Müdigkeit wieder ein. Auf dem
Beifahrersitz falle ich von einer Sekunde auf die andere in einen
Tiefschlaf. Wenige Minuten später weckt mich Nick wieder auf. Ich muss
weiter mit meinen schmerzenden, aufgequollenen Füßen. EinenFuß vor den
anderen, 16 % Anstieg und immer wieder den Blick hoch zum Gipfel.
Hupende Autos kommen mir entgegen, Läufer die es bereits geschafft haben
und wieder auf dem Weg nach Lone Pine sind. Die Autos stinken nach
heißgelaufenen Bremsen.
Endlich erreiche ich die großen Bäume, die ich vom Rennvideo kenne, das
Ziel ist also nicht mehr so weit. Noch einige Kurven, klatschende fremde
Menschen und als ich Nick mit der großen Deutschlandflagge sehe, weiß
ich, dass ich es geschafft habe. Nach 52 Stunden und 57 Minuten fällt
die Anspannung von mir ab, ich bin überglücklich im Ziel! Chris Kostman
gratuliert mir, dass härteste Rennen der Welt überstanden zu haben.
Tränen sammeln sich in den Augen hinter der verspiegelten Sonnenbrille.
Als ich meine Crew im Arm halte, ist alles wieder in Ordnung. Die Crew
hat mindestens den gleichen Anteil an meinem Sieg, denn ich brauchte ja
bloß laufen. Uli gratuliert mir und bemerkt, dass es noch nie eine solch
schöne Medaille gegeben hat. Wir stoßen mit einem Bier auf unseren
Erfolg an und sind uns einig, dass wir alles genau richtig gemacht
haben.
In Lone Pine beziehen wir für die nächsten 2 Tage das Best Western
Motel. Ein paar Stunden Tiefschlaf, unterbrochen von einem
Gratulationsanruf von Eberhard aus Deutschland, und schon steht der
nächste Termin auf dem Programm. Um 18:00 Uhr die Pre Race Party mit
allen Läufern und Supportern. Es gibt Pizza und Salat. Alle Finisher
werden nach vorn gebeten und bekommen ihr Finisher T. Shirt. Wer
schneller als 48 Stunden war bekommt zusätzliche eine Gürtelschnalle, na
ja vielleicht beim nächsten Mal.
Die 2 Tage in Lone Pine relaxen wir am Pool und ich versorge meine
kaputten Füße. Hier in Lone Pine und Umgebung wurden früher ne Menge
Western gedreht und unser Hotel rühmt sich damit, dass John Wayne früher
hier gewohnt hat. Jedes Zimmer ist nach irgendeinem Schauspieler oder
Film benannt. Das eiskalte Bier schmeckt hier auch wieder besonders gut
und die Abende am Pool werden immer etwas länger.
Von Lone Pine fahren wir durch den Yosemite Park über die Sierra Nevada,
bei stahlblauem Himmel nach San Francisco. Hier wohnen wir für die
nächsten 3 Nächte ganz exklusiv im Westin Francis Hotel am Union Square
im Stadtzentrum. Wir fallen mit unserem Wüsten Outfit doch etwas auf
unter all diesen feinen, gutgekleideten Leuten. Wir haben nur ein
Problem, unser Auto. Das Parken in der Hotelgarage soll 51,00 $ plus TAX
am Tag kosten. Auch die umliegenden Garagen liegen noch bei 30,00 $. So
parken wir unseren Van an einer Parkuhr, wo es nachts und am Wochenende
kostenlos ist. San Francisco ist voller Touristen, speziell am
Fisherman’s Wharf, der einem Rummelplatz gleicht. Positiv sind die
vielen Straßenkünstler, die für Unterhaltung sorgen. Wir sehnen uns in
die ruhige Wüste zurück. Wir laufen kreuz und quer durch die Stadt, über
die Lombard Street, besuchen das Aquarium, Chinatown mit einem
hervorragenden Essen, nur in die weltberühmten Cable Cars kommen wir
wegen Überfüllung nicht hinein. Bernhard und Torsten nehmen, zusammen
mit 15.000 Läufern, am San Francisco Marathon teil und erleben einen
unvergesslichen Lauf, der zweimal über die Golden Gate Bridge führt. Der
Start ist bereits um 05:30 Uhr, als ich noch mit schmerzenden Füßen im
Bett liege. Des Weiteren machen wir einen Ausflug zu den Mammutbäumen im
Muir Park, nördlich von San Francisco. Hier unternehmen wir eine
ausgiebige Wanderung durch den Park und hinauf auf den Bergrücken, wo
wir im Hotel Mountain House einen traumhaften Blick auf die San
Francisco Bay haben und am liebsten bleiben würden. Aber wir müssen, wie
immer weiter, denn wir wollen auf jeden Fall einmal im kalten Pazifik
baden, was wir am Stenson Beach machen. Am Montag fahren wir dann zurück
nach Las Vegas, wo wir wieder im Excalibur einchecken. Durch einen
absoluten Zufall, weil Nick noch unbedingt schwimmen möchte, treffen wir
Cousin Lutz und seine Familie, die z.Zt. auch auf Rundreise in den USA
sind. Einen größeren Zufall kann es wahrscheinlich in diesem großen Land
nicht geben. Wir verbringen den Abend und die halbe Nacht gemeinsam.
„All you can eat“ steht im Casino Restaurant auf dem Programm sowie ein
Ausflug auf den höchsten Turm der Stadt, dem Stratosphere Tower.
Am Dienstag, dem Tag unseres Abflugs, machen wir noch einen Ausflug
zum Hoover Staudamm, ein sehr beeindruckendes Bauwerk.
Ein Abschiedsessen gönnen wir uns im Hofbräuhaus von Las Vegas, einer
kleinen Kopie des Münchner Stammhauses. Es gibt Schweinebraten und
echtes Münchner Bier, lecker!
Viel Arbeit haben wir damit, den Lack unseres Autos von den Kleberresten
zu befreien. Die heiße Sonne hat den Kleber regelrecht eingebrannt. Mit
schmerzenden Fingern und verschiedenen Lösungsmitteln gelingt es uns
schließlich doch, so dass es bei der Rückgabe keine Probleme gibt.
Wir verlassen Las Vegas wieder mit der Condor und landen am Mittwoch
wieder in Frankfurt, ich fliege weiter nach München und der Rest der
Crew fliegt weiter nach Hannover.
Ich habe noch 10 Tage nach dem Rennen Schlafstörungen, ich wache nachts
auf, weiß nicht wo ich bin und will weiterlaufen. Die Füße sind nach 2
Wochen abgeheilt und ich kann wieder trainieren für die nächsten
Marathons. Aber zuvor stehen noch 2 Wochen Urlaub in Dänemark auf dem
Programm, vielleicht mal ohne laufen, wenn das überhaupt geht?!?
Dieses nette Gedicht hat mir mein Freund Hannes geschrieben:
Hallo Badwater Race, hier steht ein Marathoni aus Stüde
seine Beine sind noch nicht müde.
Er stellt sich dem Kampf und der mörderischen Strecke,
um 06:00 Uhr ist Start, ab geht’s, oh Gott behüte den Recke.
3:26, das war Deine Zeit der ersten Etappe
Die Sonne knallte Dir auf Deine Kappe.
In Stovepipe Wells in 11:32 Stunden
Bemerkbar machen sich bestimmt die ersten Wunden.
Dann ging es bergauf und auch bergrunter,
nach 25:31 Std. Panamint erreicht,
Gedanken durchpeitschen bestimmt seinen Kopf,
muss er aufgeben vielleicht?
Nach Darwin, da muss er noch hin,
geschafft hat er es nach 34:44 Stunden.
Liebe Crew, bitte, heilt ihm seine Wunden.
Noch 44 Meilen bis zum Ziel,
er will doch nur den Skalp.
Das ist doch nicht viel.
Nach 48:05 Std. wurde Lone Pine erreicht,
das Ziel nun vor Augen, es ist nicht mehr weit.
Mt. Whitney wurde von Dir bezwungen,
ich glaube am liebsten hättest Du das Deutschlandlied gesungen.
Es wurde gefinisht, nach 52:57:58 Stunden
135 Meilen wurden von Dir bezwungen.
Du hast es geschafft, wo andere von träumen.
Ein Kämpfer mit Herz.
Eine Crew ohne Schmerz.
Friedhelm für mich bist Du ein Marathoni mit Niveau
Ich will’s Dir nur sagen, Du bist ein H e r o !
|