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Grad im Schatten hat man hier schon gemessen. Die Sonne brennt, als
hätte sich ihr die Erde hier um ein paar Millionen Kilometer angenähert.
Der heiße Wind nimmt einem die Luft. Die flimmernde Hitze bringt den
Kopf zum Schwimmen, schon nach ein paar Schritten geht der Atem, und der
Puls rast. Jeder normale Mensch verbringt hier höchstens ein paar
Minuten außerhalb des klimatisierten Autos. Doch ein Häuflein
Wahnsinniger hat diesen Fleck als Extremsport-Spielplatz entdeckt.
Ein Spaziergang für
Verrückte?
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| Ein Spaziergang für Verrückte? |
Der Badwater-Ultramarathon
führt durch drei Täler, über drei Bergketten und endet auf 2500 Metern
unter dem Gipfel des Mount Whitney. In 60 Stunden müssen die Läufer die
mörderische Strecke hinter sich bringen. Vierzehn Frauen und 67 Männer
traten in der vergangenen Woche an, ihre Körper von Montag früh bis
Mittwoch abend durch eine beispiellose Tortur zu peitschen.
Montag, 8 Uhr. Als Christine
Sell in der zweiten von drei Gruppen startet, liegt die Startlinie noch
im Schatten einer Hügelkette. Es geht ein schwacher Wind. Mit Werten um
48 Grad im Schatten verspricht es in diesem Jahr ein kühles Rennen zu
werden. Überhaupt: 217 Kilometer in 60 Stunden, das ist ein Schnitt von
3,6 Kilometern in der Stunde. Wer zügig geht, bewegt sich mit fünf
Kilometern in der Stunde vorwärts. Ist das härteste Fußrennen der Welt
am Ende ein Spaziergang für Verrückte?
Ein Steak mit Pommes vorm
Rennen
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| Bei 48 Grad quält sie sich durch die endlose
Weite |
10.45 Uhr. Bei Meile 15 weichen
Steifheit und Widerwillen, geschmeidig und rhythmisch bewegt sich
Christine Sell vorwärts, der ganze Körper eine fließende Bewegung. In
dreieinhalb Stunden läuft sie locker 17 Meilen, gut 27 Kilometer.
Beschwerlich sieht das noch nicht aus. Christine Sell ist
Physiotherapeutin und Leiterin einer Laufschule aus Ginsheim in der Nähe
von Mainz. Sie hat vor dreizehn Jahren mit dem Laufen begonnen, nach der
Trennung von ihrem Mann und mit siebzehn Kilogramm mehr auf dem Leib. Im
Jahr 2000 lief sie ihren ersten Marathon, und dann reichte das
irgendwann nicht mehr. Inzwischen hat sie zahlreiche Extremläufe hinter
sich, darunter den 100-Kilometer-Nachtlauf von Biel oder den
berüchtigten „Marathon des Sables”, der fast 250 Kilometer querfeldein
durch die marokkanische Wüste führt. „Extremvergnügen” nennt sie das,
und tatsächlich erfüllt sie wenige Sportler-Klischees.
Statt des fein abgestimmten
Fitness-Mahls hat sie am Abend vorm Rennen ein Steak mit Pommes
gegessen, ein Bier getrunken, eine Zigarette geraucht. Auch angesichts
von 60 Stunden Schlaflosigkeit geht sie nicht extrapünktlich ins Bett.
„Wieso denn, wenn ich nicht müde bin?” Christine Sell ist keine
verbissene Superathletin, sondern eine fröhliche, unkomplizierte Seele
mit einem verrückten Traum. „Spaß muß es schon machen”, sagt sie. Nun
zählt sie zu den seltsam Glücklichen, die hier am Start sind. Chris
Kostmann, seit sechs Jahren Rennleiter, weist Jahr für Jahr zahllose
Interessierte ab, weil ihm neben der läuferischen Qualifizierung an
einem möglichst bunten Feld gelegen ist. Neben Christine Sell laufen
hier zwei Blinde und ein Vietnam-Veteran mit einer Beinprothese. Der
älteste Teilnehmer ist siebzig Jahre alt. Dies sind Grenzgänger, keine
Wettkampf-Sportler.
Wenn kein Wasser mehr
reingeht, wird es gefährlich
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| Sell: "Wie kann mein Kopf meinen Körper
überlisten?" |
11.30 Uhr. Es wird heiß im
Death Valley, und die schlimmsten Stunden stehen noch bevor, wenn sich
der schwarze Asphalt auf bis zu 90 Grad erhitzt. Christine Sells
Schuhsohlen sind aufgeweicht, sie spürt jedes Korn des groben
Straßenbelags. Auf Kopfhöhe zeigt das Thermometer 46 Grad im Schatten.
Schatten gibt es freilich nur in den obligaten Betreuungsfahrzeugen der
Läufer. Christine Sell ist mit Edgar Kluge und Jörg De Vries, zwei
Lauffreunden aus Ginsheim, und einem Miet-Minivan voller Wasser,
Eisboxen, Tüchern, Energiedrinks und Salzstangen angereist. Alle halbe
Meile wartet der Minivan auf sie, De Vries und Kluge reichen ihr Wasser,
ein kaltes Handtuch, sprühen sie naß, laufen ein paar Meilen mit.
Badwater-Betreuer ist ein Knochenjob. Der bislang einzige medizinische
Notfall in der Geschichte des Rennens war kein Läufer, sondern ein
Betreuer.
14 Uhr. Christine Sell hat die
Marathon-Distanz hinter sich. „Ich habe tierisch Hunger”, sagt sie, aber
von der angebotenen Banane nimmt sie nur einen Bissen. „Bei zuviel geht
mir sofort der Magen zu”, sagt sie. Eine typische Hitzeerscheinung und
eine gefürchtete: Wenn kein Wasser mehr reingeht, wird es gefährlich. Es
braucht filigranes Geschick, den Körper unter dieser Belastung
aufnahmefähig zu halten. Um sich vorzubereiten, hat Christine Sell
daheim in der Sauna ein Laufband aufgestellt. Sie ist noch vor drei
Wochen einen 100-Kilometer-Lauf gelaufen, denn „du brauchst einfach die
Distanzen als Training”. Doch wie soll man schon für das Death Valley
trainieren? Der heiße Wind wirkt wie ein monströser Fön. Christine Sell
hat sich in zwei lange weiße Tücher gehüllt, die ihre Betreuer immer
wieder in Eiswasser tauchen. Schweiß, Antriebsstoff der körpereigenen
Klimaanlage, verdampft in der Hitze zu schnell. Doch Christine Sell
fühlt sich wohl. „Ich sorge mich fast, wie gut es mir geht!” sagt sie
und lacht. Jörg De Vries hat ausgerechnet, daß sie viel besser in der
Zeit liegen als erwartet. „Wenn das so weitergeht, sind wir in unter 48
im Ziel!” Mit unter 48 Stunden zählt man offiziell zu den Härtesten der
Ultraharten.
Irgendwann tut es nicht mehr
weh
18.10 Uhr. Noch zwei Kilometer
bis Stovepipe Wells, einer kleinen Oase mit Hotel und Minimarkt. Schon
vor 20 Kilometern mußten sich Läufer übergeben, nun geben die ersten
auf. Auch Christine Sell kommt an ihren ersten Tiefpunkt. „Ich kann kein
Wasser mehr sehen!” flucht sie. „Und dieses verdammte Hotel kommt
einfach nicht näher!” Eine halbe Stunde später schlürft sie auf einer
Liege am Pool warme Suppe, Jörg De Vries massiert ihre Beine. Christine
Sell sticht sich die Blasen unter der Fußsohle auf und verpflastert sie.
Fast siebzig Kilometer liegen hinter ihr, doch müde ist sie nicht. „Wenn
du sitzt, kannst du mal die Augen zumachen, aber der Kopf läuft weiter.”
20.10 Uhr. Hinter Stovepipe
geht das Rennen in den ersten steilen Anstieg, in Serpentinen windet
sich die Straße über 29 Kilometer von null auf 1600 Meter zum Townes
Pass empor. Aber Christine Sell hat keine Angst. „Es ist ja nicht so
steil, und meine Beine tun nicht weh.” Bei Einbruch der Dunkelheit
streift sie sich eine Reflektorweste über und macht sich auf. 22 Uhr. Es
ist eine milde Nacht mit einer leichten Brise. Die brüllende Hitze ist
vergessen, es herrscht eine Stille von erhabener Schönheit. Ein
prachtvoller Sternenhimmel mit einer schmalen Mondsichel prangt über den
Panamint Mountains. „Ich liebe die Wüste”, sagt Christine Sell. „Anders
als so erlebst du sie gar nicht richtig.” Die meisten Läufer gehen
jetzt, manche schwer, wie man auch in der Dunkelheit am schiefen
Schaukeln der Reflektorwesten sieht. „Du setzt den Fuß beim Gehen viel
flächiger auf, das gibt mehr Blasen”, sagt Christine Sell. Doch sie
weiß: Bewegungsreize überlagern Schmerzreize, irgendwann tut es nicht
mehr weh. Und bergan will niemand wertvolle Kraft verpulvern. „Bergab
werde ich später vielleicht eine Aspirin nehmen müssen.” Ihre
Laufapotheke umfaßt außerdem Rennie und Iberogast gegen Magen- und
Verdauungsprobleme, Kalzium gegen Sonnenallergie, Guarana zum
Wachbleiben, Eiweiß- und Elektrolytpräparate.
Schreckensnachricht um 2.20
Uhr
Dienstag, 2 Uhr. Zwei Meilen
vor dem Townes Pass sinkt Christine Sell in den mitgebrachten
Liegestuhl. Blitzartig nickt sie weg, zum ersten Mal ist Erschöpfung
spürbar. Doch in Minuten rappelt sie sich wieder hoch. Nachts zwischen
zwölf und vier ist es besonders schwer. „Du wirst müde, langsam, alles
tut weh, du hast keinen Bock mehr. Aber irgendwann wird es hell, und
dann springt das Adrenalin wieder an.” Inzwischen müssen Guarana und
Aspirin über die Runden helfen. 2.20 Uhr. Eine Schreckensnachricht: Der
Minivan ist gestrandet, der Starter rattert schrecklich. Flüche und
Hektik. Auch bei den Betreuern zeigt sich jetzt die Belastung. Christine
Sell wird nervös. Ohne Betreuerauto ist ihr Rennen gelaufen, eine
Dreiviertelstunde läuft sie in Ungewißheit durchs Dunkel. Dann ist das
Wichtigste - Wasser, Eis, Cola, Salzstangen - in den Kleinwagen der
begleitenden Journalistin umgeladen. Irgendwie muß es weitergehen, um
das Auto wird man sich später kümmern.
3.15 Uhr. Es geht bergab, der
Blick öffnet sich grandios ins Panamint Valley und auf die kleine Oase
inmitten des Tals, Panamint Springs. Christine Sell läuft jetzt, sie hat
keine Schmerzen, sie denkt an nichts, es tut einfach gut. Doch am Fuß
der Berge streckt sich die Straße, und was schon so nah schien, verliert
sich grausam in der Ferne. Die letzten acht Kilometer fühlen sich an wie
vierzig, ein Albtraum. Die zur Neige gehende Nacht wirkt plötzlich
surreal und feindselig. Christine Sell halluziniert blinkende Lichter
und aufwellenden Asphalt. Obwohl sie läuft, scheint sie nicht
fortzukommen. Ohnmächtig kämpft sie gegen die Distanz. 5.21 Uhr.
Irgendwie hat der Horror ein Ende gefunden. Die Hälfte der Strecke ist
geschafft, mit unter 22 Stunden liegt Christine Sell hervorragend im
Rennen. Doch Zeit und Raum existieren nicht mehr. Während es über den
eben bezwungenen Panamint Mountains dämmert, bricht Christine Sell auf
einem Hotelbett zusammen. Unter furchtbarem Stöhnen, von Krämpfen
geschüttelt, nickt sie ein.
Hitzschlag? Sie kämpft, will
weiter
Sogar bei optimaler Versorgung
ist es entsetzlich, was die Läufer ihren Körpern zumuten. Nach 24
Stunden beginnt der Körper, Eiweiß zu verstoffwechseln. Beim Abbau von
Muskelmasse wird eine Chemikalie freigesetzt, die sich auch im Blut von
Herzinfarktpatienten findet. Blutzellen gehen kaputt, eine Anämie setzt
ein, manche Läufer haben am Ende eines Ultramarathons die Blutwerte von
Leukämiekranken. Der Salzmangel durch übermäßiges Schwitzen kann zu
Gehirnschwellungen führen, die Austrocknung kann die Nieren schädigen.
Entzündungen, Anstrengung und Hitze treiben die Körpertemperatur bis auf
41 Grad. „Aber das ist alles nur vorübergehend”, sagt Dr. Mary Kashurba,
die diesjährige Rennärztin. Die 49 Jahre alte Frau aus Pennsylvania ist
selbst vor zwei Jahren mitgelaufen. Die Grenze menschlicher
Leistungsfähigkeit sieht Dr. Kashurba hier noch nicht erreicht. Pam Reed
aus Tucson, die weibliche Rekordhalterin des Laufs mit 27:56:47, habe
schon ein 300-Meilen-Rennen in 78 Stunden absolviert.
Dienstag, 9 Uhr. Nach kaum drei
Stunden Schlaf drängt Christine Sell wie in Trance zum Frühstück. Nur
ein Stück Toast, dann geht es wieder bergan. Sie ernährt sich fast nur
noch von hochkalorischen Gels und kohlehydratreichen Pulvergetränken.
Das ist zwar scheußlich, doch anderes geht nicht mehr runter. Das
gestrandete Auto ist mit Hilfe eines Startkabels wieder flottgemacht.
Angesichts von etwas Schlaf und zurückgewonnener Ausrüstung ist also
eigentlich alles gut. Doch nun fordern das Tempo und die Sonne ihren
Tribut. Mühsam quält sich Christine Sell die Bergstraße aus dem Panamint
Valley empor. „Ich habe das Gefühl, mich dauernd hinsetzen zu müssen”,
sagt sie matt. Die Beine sind geschwollen, die Oberschenkel von
Sonnenpusteln übersät. Alles geht schleppend, ein scharfer Kontrast zur
federnden Leichtigkeit von gestern. Edgar Kluge zwingt sie schließlich
zu einer einstündigen Pause. Sie dämmert auf der Klappliege, von
Krämpfen durchzuckt. Hitzschlag? Zuwenig Schlaf? Christines Kopf
rotiert, sie kämpft, will weiter.
Das schaffst du eh nie
Dieses Rennen hat weniger von
der windschnittigen Effizienz des klassischen Leistungssports als von
einer Zen-Übung. „Ich mache das hier nur für mich”, hat Christine Sell
vor dem Rennen gesagt. Das stimmt nicht ganz. Sie wirbt mit dem Lauf für
die Stiftung Bärenherz in Wiesbaden, die Hospize für schwerstkranke
Kinder betreibt. „Ich möchte dafür werben, sich ein bißchen mehr
aufzuraffen - auch für andere. Es müssen ja nicht immer gleich 135
Meilen sein.”
Die fordert sie bloß sich
selbst ab. „Ich will wissen: Wie weit geht die Physis, welchen Anteil
hat die Psyche, wie kann mein Kopf meinen Körper überlisten?” Man kann
nicht kalkulieren, wann die Beine nachgeben oder der Magen dichtmacht,
wie die Hitze zuschlägt, wo die Müdigkeit, die Wut, der Ehrgeiz einen
überfallen. Für Christine Sell ist dieses Rennen ein wenig auch
symbolischer Akt. Das Leben hat sie nicht immer mit Samthandschuhen
angefaßt: Als uneheliches Kind in einem Dorf hänselte man sie, daheim
bekam sie oft zu hören: Das schaffst du eh nie. Mit 16 wurde sie
schwanger, ein Skandal, und ihre Ehe zerbrach an der Affäre ihres Mannes
mit ihrer besten Freundin. Ihr gehe es bei diesem Rennen „auch darum, zu
wissen, daß man aus jeder Talsohle aus eigener Kraft wieder rauskommt.
Man darf nur unten nicht aufgeben.”
Gedanken ans Aufgeben
Doch diese Talsohle verwandelt
sich zusehends in ein Treibsandloch. Zehn Stunden braucht sie für die 29
Kilometer von Panamint Springs bis zum Plateau der Argus Range auf fast
1700 Metern, gestern ging das in der halben Zeit. Verzweiflung macht
sich breit. Christine denkt ans Aufgeben. 20 Uhr: Nach einer weiteren
kurzen Schlafpause geht es leicht bergab, schnurgerade über ein riesiges
Plateau. Dahinter erheben sich die Gipfel der Sierra Nevada mit dem
Mount Whitney, dem Ziel. Christine Sell fällt in leichten Trab, sie
entspannt sich, genießt die stille Einsamkeit der Wüste. Die Pause hat
Wunder gewirkt. Oder? 22 Uhr. Nach zwei Stunden ist die Luft wieder
raus. Kluge verhängt eine Zwangspause von vier Stunden, um das Rennen
nicht abbrechen zu müssen. Im Minivan versucht Christine Sell zwischen
Beinkrämpfen und Schüttelfrost, Schlaf zu finden.
Mittwoch, 2.45 Uhr. Der Wecker
klingelt, die Zeit drängt: Noch 17 Stunden bis zum Ziel. Aufstehen fällt
unendlich schwer, doch ein kühler Wind und die dringend benötigte Rast
geben Christine Sell neue Kraft. Sie zählt beim Laufen Sternschnuppen.
Als De Vries fragt: „Brauchst du was?” antwortet sie fröhlich: „Hab' ich
mir schon gewünscht, danke!” Bei Anbruch der Dämmerung greift sie zur
Kamera, um die ersten Sonnenstrahlen auf den Gipfeln der Sierra Nevada
zu fotografieren. 8 Uhr. „In zwölf Stunden muß ich oben sein!” ruft
Christine Sell. Noch liegt der Aufstieg zum Mount Whitney vor ihr, eine
trügerische Hügelstrecke durch die Alabama Hills und ein verteufelt
steiler Endspurt hinauf zum Ziel.
„So was mache ich
wahrscheinlich nie wieder”
11.45 Uhr. Gutgelaunt erreicht
Christine Sell die kleine Stadt Lone Pine am Fuß der Sierra Nevada. Doch
die Mittagshitze brennt schon, keine guten Bedingungen für das letzte,
steilste Stück, auch wenn nur noch 21 Kilometer vor ihr liegen. Jetzt
heißt es, den Kopf unter Kontrolle zu halten. „Ich darf weder vor- noch
zurückblicken”, sagt sie. 60 Prozent eines solchen Rennens seien Kopf-,
höchstens 40 Körpersache. Prompt überfällt sie in den Alabama Hills ein
schwerer Durchhänger. Sie schleicht, stöhnt, schleppt sich in der
sengenden Sonne bergan, schließlich bricht sie in Tränen aus. Auch die
Psyche ist jetzt am Ende.
13.20 Uhr. Ein
Kreislaufzusammenbruch? Wie betrunken schwankend sitzt Christine Sell im
Minivan, kippt zur Seite. Ist hier Schluß? Sie rutscht ungemütlich
zwischen zwei Eisboxen, lehnt aber jedes Polster ab. „Bloß nicht
bequem”, murmelt sie, „sonst bleib ich gleich hier.” 15 Uhr. Irgendwo
ist noch eine letzte Kraftreserve frei geworden. Christine Sell läuft
trotz geschwollener Beine und blasenübersäter Füße tapfer die steile
Straße bergan. Sie braucht Ablenkung vom Gedanken ans Ziel, die Betreuer
plaudern mit ihr über Mode, Mütter, Alltagskram. Dann, kurz vor Schluß,
bringt ein wohlmeinender Tourist die Pein unerträglich zurück: „Nur noch
eine Meile!” ruft er. Christine Sell geht in die Knie. „So weit noch?”
flüstert sie. Die Anstrengung der letzten Meter ist übermenschlich. Und
dann sitzt sie schluchzend auf einem Fels hinter der Ziellinie. Die
Anspannung der 135 Meilen, der vergangenen 57 Stunden und 56 Sekunden
strömt aus ihr heraus. Vierzehn Läufer sind ausgeschieden, unter ihnen
eine Frau. Irgend jemand reicht Christine Sell ein Bier. Sie sagt: „So
was mache ich wahrscheinlich nie wieder.”