Badwater Ultra 2005 – mein Weg dorthin
Erlebnisbericht von
Sigrid Eichner
Im Oktober 2004 beendeten Bernhard
Sesterheim und ich den La Grand Raid auf der Insel Reunion und
fragten uns im Überschwang der Glücksgefühle – was könnte jetzt noch
kommen? Da Bernhard 2004 als Betreuer beim Badwater Ultra war, stand
die Idee fest: Nur dieser Lauf könnte den eben absolvierten noch
Toppen. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
Der Badwater Ultra ist ein Einladungslauf d.h. man muss sich
bewerben und bestimmte, vorgegebene Leistungen in den letzten drei
Jahren erbracht haben und belegen können. Bewerbungszeitraum ist der
Januar und die ersehnte Bestätigung oder auch nicht gibt es Ende
Februar. Mit der Hoffnung auf Erfolg planten wir drei – Karl-Heinz
Kobus wollte Mittäter sein, schon beim „Honigkuchenmann“ Marathon im
Januar den Ablauf unserer Reise und verteilten die organisatorischen
Aufgaben. Karl-Heinz übernahm die Flüge, Bernhard die
Hotelbestellung für Las Vegas und die Bestellung der Mietwagen,
Günter Böhnke – diesmal nicht Starter, sondern als Betreuer von
Bernhard – legte die Reiseroute fest und bestellte die Zimmer in
Stovepipe Wells – im Death Valley bis zum Start- und Lone Pine nach
Zielankunft. Für mich blieb die Betreuersuche, denn im Gegensatz zu
meinen Mitstreitern hatte ich noch niemanden. Auf meine Anzeige bei
Steppenhahn meldete sich Heribert Hofmann, der im nächsten Jahr
ebenfalls beim Badwater starten will. Mit Heribert hatte ich das
große Los gezogen sozusagen ein 7 * Betreuer, der mich letzten Endes
organisierte und sich in jeder Phase des Rennens in mich
hineindenken konnte. Ohne ihn wäre ich nicht angekommen. Und dann
meldete sich Bodo Rathsburg bei mir als zweiter Betreuer. Im
Unterschied zu Heribert kannte ich Bodo vom Wettkampfgeschehen her.
Was ich nicht wusste- Bodo konnte nicht Autofahren und seine
Betreuertätigkeit beim Badwater 2004 war nicht zufrieden stellend
gewesen. Da ich das nicht vorher in Erfahrung gebracht hatte,
machten wir jetzt unsere eigenen. In unserem kleinen Kollektiv
schlichteten Günter und Heribert so manchen Streit mit Bodo, aber
eigentlich war es zwecklos. Bodo war oder ist dieser Herausforderung
nicht mehr gewachsen. Nur schnell gehen können - reicht nicht. Und
damit will ich über die Erfahrungen mit Bodo kein Wort mehr
verlieren. Sie waren bitter genug für mich und Heribert, der
praktisch meine Betreuung allein bewältigte. Übrigens war ich
inhaltlich auf diese Herausforderung überhaupt nicht vorbereitet.
Dadurch, dass Heribert Uli Weber gut kennt - einen mehrfachen
Badwaterfinisher - hat er viele wichtige Details in Erfahrung
gebracht, von denen wir profitieren konnten.
Abflug war am 06.07. Frankfurt - Las Vegas. Am Flughafen holte uns
Karl-Heinz Kobus ab. Er war einen Tag eher angereist, da er
arbeitsbedingt auch eher wieder abfliegen musste. Die aus
Deutschland bestellten Mietautos wurden abgeholt, doch halt : erste
Panne - Bernhard hatte seinen Führerschein nicht mit. Dadurch verlor
der Vertrag seine Gültigkeit und musste erneuert werden. Endlich
geschafft. Gepäck einladen und Hotel suchen. Jawohl suchen, es
dauerte ewig und wir fragten oft und wurden oft falsch geschickt,
bis wir das „Golden Gate“ erreicht hatten. Jedes Hotel ist auch
Casino. Wehe dem, der der Spielleidenschaft verfallen ist. Hier gibt
es kein Halten mehr. Besondere Kunden, die bereit sind all abendlich
250.000 Dollar zu verspielen, werden mit einem Privatjet eingeflogen
und bekommen im neuesten und teuersten Hotel ihre Unterkunft. Aber
wozu eigentlich? Die Nacht über wird gespielt und dann ist da ja
wieder der Privatjet.
Hotel gefunden, doch Bodo wollte - wie gewohnt aus früheren Jahren -
im Freien schlafen . Hotel sei Luxus. Am nächsten Tag wurden die
Dinge eingekauft, von denen wir meinten, sie für das Rennen zu
benötigen ( viel Unnötiges, wie sich später herausstellte, aber das
wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ). Am Abend waren wir
dann schon in Stovepipe Wells - Günter hatte das so geplant zu
unserer Akklimatisation - und er hatte Recht damit. Für Las Vegas
blieb nach dem Lauf noch genug Zeit. Drei Tage Hotel im Death Valley
- das sollte wohl reichen. Es war heiß, sehr heiß, kein Sommertag
bei uns ist annähernd so heiß. Aber die Kleiderfrage ist schnell
geklärt: am Besten Nichts, gar nichts anziehen und den Tag im Pool
verbringen. Aber eigenartiger Weise wurde uns allen nach einer
gewissen Zeit im Pool - kalt. Das war nicht zu verstehen. Doch
Günter erklärte mir, dass wir Menschen - Wiege war ja bekanntlich in
Afrika - noch über unsere uralten Gene zur Hitzeanpassung verfügen
würden; sie müssten nur freigelegt werden und das würde so 10 bis 15
Tage dauern. Also, das nächste Mal 10 Tage eher anreisen. Wir
machten Ausflüge und wanderten, ich probierte laufend die Strasse
aus und fand es morgens gegen 6 Uhr sogar angenehm. Was ich mir
nicht vorstellen konnte war das Laufen auf bis zu 90° heißem
Asphalt. Wie sollte eine Strasse überhaupt bei diesen Temperaturen
dem Verkehr standhalten? Mit deutschen Maßstäben darf man dort nicht
messen. Die Strassen halten, sogar ohne Abdrücke der Reifen und die
Schuhe brennen nicht durch. In Amerika ist eben alles ein bisschen
anders. Die Strassen führen endlos geradeaus, man sieht das Ziel
schon lange, erreicht es aber nicht. Die welligen Strassen führen
steil nach oben, nur die Kuppe ist noch sichtbar, um bei Erreichen
derselben steil nach unten zu führen. Vorsicht… Sprungschanze! Am
Sonntag war großes Briefing, bekannte Gesichter tauchten auf.
Familie Finkernagel als Wiederholungstäter, Guido Kunze -
Veranstalter vom Marathon der Deutschen Einheit aus Mühlhausen,
Edgar Kluge als Betreuer und andere. Am Abend wurde das Auto
gepackt; viel Platz war nicht. Mussten doch unser Gepäck und all das
viele Wasser und die drei Kühlboxen… mitgenommen werden. Die
Kühlboxen wurden mit Eisstücken gefüllt, die es an jeder Tankstelle
gab. Mit der Zeit schwammen die zu kühlenden Lebensmittel im Wasser;
dann war dringend Erneuerung angesagt. Während des gesamten Rennens
waren Fahrzeuge unterwegs, die uns mit Eis versorgten. Für mich war
wichtig: es musste unterwegs auch alles wieder schnell auffindbar
sein! Das Finden war überhaupt so ein Problem. Manches verschwand
einfach, so wie die Socken in der Waschmaschine. Bodo legte dafür
fünf Mülltüten an..
Und dann endlich war es soweit. Am Montag, dem 11.07. 6 Uhr ging es
los. Vorher war großes Fotografieren angesagt. Jürgen Ankenbrandt,
schon beim Briefing aufgetaucht, wuselte aufgeregt umher und schoss
ein Bild nach dem anderen. Jürgen wohnt in LA und sein Arbeitszimmer
ist der Strand. Ich kenne Jürgen vom Transeuropalauf her. Er
betätigte sich dort unter anderem als Fotograf, spricht auch als
ehemaliger Nürnberger noch ein einigermaßen verständliches Deutsch
und ist für jeden Spaß zu haben. Nur mein Auto wollte er auch nur
für eine kurze Zeit nicht fahren. Er wollte dem Sieger ständig auf
den Fersen sein.
Der Startschuss fiel und die erste Gruppe - 30 Läufer - fingen an,
sich in Bewegung zu setzten. Es folgten noch zwei weitere Starts um
8:00 und um 10:00 Uhr. Die Schnellsten zum Schluss, da war ich schon
4 Stunden unterwegs. Ich lief in einem Netzhemd ohne Ärmel und in
ganz kurzen Hosen. Die freien Hautstellen hatte ich schon am
Vorabend mit Sonnenschutzcreme ANTHELIOS XL 60+ von La Roche-Posay
eingerieben. Am Anfang war es ein angenehmes Laufen, warm, nicht
windig und noch schattig, leicht bekleidet - die Sonne war noch
nicht über dem Berg. Von minus 85 Meter arbeiteten wir uns auf einer
super Asphaltstrasse im Ständigen Auf und Ab bis Stovepipe Wells
vor, waren dort gerade auf Normal Null und hatten knapp 44 Meilen
zurückgelegt Aber soweit war ich noch lange nicht. Trinken, trinken
und nochmals trinken. Wasser mit und ohne Salz, Wasser mit und ohne
Gas. Ich trank willig und mit kleinen Schlucken.. Eigentlich
immerzu, aber dennoch nicht genug, wie sich im Verlaufe des Rennens
zeigte. Als der Schatten verschwand bekam ich im Wechsel ständig ein
feuchtes, eisgekühltes Handtuch über die Schultern gelegt, später
auch Eis im Waschlappen auf den Kopf, die nasse Mütze darüber und
noch später - leider zu spät - auch noch ein nasses Handtuch über
den Kopf, das mein Gesicht vor dem heißen Wind schützte. Noch vor
der ersten Zeitnahme musste ich die Strümpfe wechseln. Die extra
Badwater Zehensocken, obwohl vorher ausprobiert, scheuerten am
Ballen. Nur keine Blasen.. waren meine Gedanken. Problem gelöst und
weiter. Die Läufer hatten sich verteilt. Auf der einen Seite die
Betreuerautos und auf der anderen, aufgefädelt wie zu einer
Perlenkette, wir. Vor mir, aber noch erkennbar, Bernhard im flotten
Schritt, zu schnell, dachte ich. Alle Autos waren mit dem Namen und
der Startnummer des Läufers gekennzeichnet, so sah man immer, wer in
unmittelbarer Nähe lief bzw. fuhr. Oftmals sah ich die Autos an mir
vorbei fahren, aber den dazugehörigen Läufer bekam ich nie zu
Gesicht. Während des Rennens lief eine medizinische Studie, zu der
ich mich auch gemeldet hatte. Es musste alles gemessen und
registriert werden, die Einfuhr und die Ausfuhr aus dem Körper. Bis
zu meinem Black Out klappte das auch, aber dann stellten wir die
Mitarbeit ein, es war für Heri nicht zu schaffen, hatte er doch
nicht nur das Auto fortzubewegen und mich zu versorgen, sondern
musste sich auch noch um Bodo kümmern. Kurz vor der ersten Zeitnahme
sah ich Bernhard am Wegesrand kauern und lief vorbei. Auf Reunion
war es wohl genauso gewesen, so sagte er, nur dort habe ich Ihn
nicht hocken sehen.
Nach 17 Meilen war Furnace Creek erreicht, die erste Zeitnahme
Station - hier war das Briefing gewesen -. 4:20 Stunden hatte ich
bis hierher gebraucht und Schuhwechsel war angesagt, drückte doch
der rechte Schuh am Ballen. Das tat dieser Schuh immer nach einer
gewissen Zeit, deshalb war da auch eine schützende Hornhautschicht
gewachsen. Vom Adidas 6 in meinen Nike Pegasus 8,5. Leider etwas zu
spät; ich hatte schon eine Blase am Ballen unter der Hornhaut; das
war neu und recht ärgerlich. Ich hätte die Schuhe eher wechseln
sollen. Nach dem Sockenwechsel wollte ich aber nicht schon wieder
pausieren, nur um die Schuhe zu wechseln. Immer wieder die gleichen
Fehler! Als ob es auf diese Minuten angekommen wäre. Ja, ich bin
wirklich auch nach so vielen Läufen noch so dumm! Diese Druckstelle
sollte mich noch lange schmerzen. Erst in Panamint Springs bekam ich
von einer hilfsbereiten Betreuerin, die Ihren blinden Läufer
verarztete, ein wunderbares Tape.
Wie konnte ich nur so einfältig sein. Im Mai 1998 lief ich mit Hans-
Joachim Meyer und Christian Hottas von Birmigham nach London. Am
Abend probierte ich noch meine Schuhe aus und lies im linken Schuh
unter meiner medizinischen Einlegesohle die Originalsohle liegen.
Schon ab erstem Laufschritt scheuerte der Schuh am Hacken. Ein
abgetragener und wiederholt beabsatzter Schuh, der noch niemals
Beschwerden gemacht hatte! Aber anstatt anzuhalten und nachzusehen
lief ich von früh 6 Uhr bis zum nächsten morgen 5 Uhr mit diesem
Schmerz - immer mit der Absicht: Am Anfang dran bleiben, sich nicht
verlaufen, später: Ja keine Zeit verlieren. Der ganze Hacken war
dann eine Riesenblase und nach Entdecken des Übels war der Schmerz
weg, der Hacken wurde verklebt. Es wäre so einfach gewesen.. Und
hier: Der gleiche Fehler, immer noch nicht aus Schaden klug
geworden! Jetzt war es zu spät, die Blase war da, schlimmeres galt
es zu verhindern. Der andere Schuh war jetzt breiter und größer;
neue Schwierigkeiten kamen dazu, die den Schmerz verdrängten. Noch
kam ich gleichmäßig vorwärts, Heri lobte mich und nach 7 Stunden war
der erste Marathon erreicht. Es wurde Nachmittag und immer heißer..
50° Celsius und mehr.. Ein heißer Wind wehte von vorne. Eigentlich
ging es mir sehr gut. Die Wärme tat meinem geschädigten Bein gut, es
tat nicht so weh wie sonst, vor mir waren Läufer zu sehen und hinter
mir liefen auch noch Etliche. Das Eis brauchte ich jetzt auf dem
Hinterkopf und irgendwann hatte ich Gedanken ans Hinsetzten. Ich bin
ja schon viel gelaufen und immer, wenn so ein Gedanke kommt, ist es
das erste Anzeichen von Schwäche. Ich setze mich normalerweise
niemals hin! Essen.. alles mit Weiterbewegung. Jedes Stehen bleiben,
im späteren Rennen jede außergewöhnliche Bewegung, bringt mich aus
dem Rhythmus, selbst wenn ich mich nur noch langsam bewege. Aber
jetzt!, ich wollte unseren geborgten Stuhl ausprobieren, ich wollte
mich setzen. Gesagt, getan. Ja, das war gut. Und jetzt noch das
nasse Betttuch über mich, über Kopf und Füße und ganz eng ans
Gesicht. Das tat wirklich gut. Jede Stunde 5 Minuten Pause wollte
ich mir ab jetzt gönnen. Ich sah Bernhard vorbei laufen und dachte:
Eigentlich könnten wir ja zusammen weiterlaufen, los , Aufstehen und
Mithalten! Aber das nasse Tuch tat so gut1 Und das Kompott schmeckte
vorzüglich. Die Birnen fand ich am Besten. Mit dem Essen war es
sowieso schwierig. Im Verlaufe des Rennens lebte ich nur von Biosorb
Energie- einer hochkalorischen Trinknahrung - Sondenernährung- den
Tipp hatte ich von Günter. Ich hatte genug mit und konnte damit auch
Bernhard versorgen. Power Bar, Gel, Riegel, Schokolade, Kekse -
nichts davon konnte ich essen. Es blieb Flüssignahrung und Kompott.
Auch Trinken wurde immer schwieriger. Keine Cola, kein Red Bull,
kein Wasser, alles eklig. Nur Selters und Orangensaft mundeten mir
noch. Leider gingen unsere Seltersvorräte bald zur Neige und Ersatz
gab es nicht. In Amerika trinkt man Cola. Soweit, so gut.. Es ging
weiter. Mit der Zeit wurden meine Schritte kürzer, ich merkte meinen
Herzschlag und ich fing an schneller und tiefer zu atmen. Das war
unangenehm. Eine nächste Pause war fällig. Wahrscheinlich sah ich
auch nicht mehr so gut aus. Jedenfalls war plötzlich der
medizinische Dienst neben uns und schlug vor, doch den Stock
einzustecken und zum Med. Punkt zu fahren. Aber davon wollte ich
nichts wissen. Zurückfahren müssen und dann allen hinterherlaufen,
das wollte ich nicht. Eine unerwartete Begleitung hatte ich
plötzlich. Angie - Betreuerin von Thomas - hatte Zeit und begleitete
mich ein Stück. Das war sehr angenehm. Konnten wir doch miteinander
reden, das lenkte ab. Bodo war im vergangenen Jahr mit im
Betreuerteam von Thomas gewesen, Sie hatten sich so zerstritten,
dass sie sich in diesem Jahr nicht einmal mehr ansahen. Wir kamen
vorwärts. Da waren schon die Sanddünen zu sehen und dahinter ist
Stovepipe. Aber, aber immer noch 4 Meilen. Das kann dauern! Meine
Vorwärtsbewegung glich inzwischen mehr einer Seitwärtsbewegung, der
Herzschlag wurde immer deutlicher und die Atmung immer schneller.
Jetzt hatte ich wirklich Bedenken. Nach dem Transeuropalauf 2003
stellten sich bei mir Herzrhythmusstörungen - hervorgerufen durch
Magnesium und Kaliummangel im Herzmuskel - ein. Sind ein deutlich
spürbarer Herzschlag und unangenehme schnelle und tiefe Atmung ein
Zeichen für Dehydrierung? Nun war ich bereit den Stock mit meiner
Nummer 23 an den Wegrand zu stecken. Heri band sein Tuch daran, um
ihn wieder zu erkennen, denn, zurückkommen wollte ich auf jeden
Fall. Ich stieg ins Auto und mit dem Sitzen kamen die Krämpfe. Füße,
Waden, Oberschenkel, Hände.. alles verkrampfte sich. Ich sah
Bernhard laufen; so weit war er gar nicht vor mir gewesen. Im Med.
Punkt wusste man schon Bescheid und ich musste 3 Flaschen
Elektrolyte trinken, am Ende lief mir das Getränk aus der Nase
wieder raus. Nach 2 Stunden war das Schlimmste überstanden,
Blutdruck normal, Blutwerte in Ordnung, es konnte weiter gehen. Ich
bekam noch ein spezielles Salz mit, welches mir Heri in Abständen
ins Getränk mischte. Die Krämpfe stellten sich bis zum Rennende
nicht wieder ein. Heri war erstaunt, dass ich so schnell wieder fitt
war. Hatte doch auch er am Weiterlaufen seine Zweifel gehabt. Ab
sofort entschied er für mich - nur meine Schlafpausen bestimmte ich
noch selber - und trug mit seinen Anordnungen zu noch mehr Fitness
und Wohlbehagen bei. Ich musste oder durfte Duschen, das Wasser war
warm, auch aus dem kalten Hahn, den Pool mied ich von selber- zu
groß war die Angst vor wiederkehrenden Krämpfen. Karl - Heinz stand
in Pool Nähe. Ich war erstaunt, ihn noch immer hier zu sehen, war er
doch weit vor mir gelaufen. Er klagte über Blasen an den Füssen und
wartete auf seine Betreuer, die im Restaurant aßen. Er selber konnte
zu diesem Zeitpunkt schon nichts mehr zu sich nehmen. Im Restaurant
aßen wir anschließend Spaghetti, und wie die mir schmeckten; der
gekühlte Raum erfrischte und dann fuhren wir zurück und fanden auch
meinen Stock. Zu diesem Zeitpunkt begab sich Bernhard auf den Weg
zum Townes Pass. Würde ich je wieder an Ihn herankommen? Es waren
noch Läufer auf der Strecke, ich war nicht alleine und kam 21:30
wieder in Stovepipe an der Zeitkontrolle an. Vier Stunden hatte
alles miteinander gedauert.
Es war dunkel geworden. Ich zog mein Laufhemd aus und die
Leuchtweste über. Es war jetzt windstill und noch immer sehr warm.
Das nasse Handtuch über den Schultern wurde überflüssig, Eis auf dem
Kopf auch, dafür brauchte ich die ganze Nacht über Wasser zum Kühlen
für meinen Kopf. Bodo begleitete mich jetzt bergan zum Townes Pass
5000 Feet hoch. Diese Begleitung war mir eher unangenehm, aber im
Auto hätte er nur gestört. Bodo rannte vorneweg, auf meine Frage
warum er das tat kam die Antwort. „Ich will, dass Du schneller
läufst!“ „Bodo, das ist doch Unsinn, ich bin schon länger als einen
Tag unterwegs und habe nicht nur diesen Pass noch vor mir!“ Aber es
half nichts; am Morgen stieg er ins Auto und schlief bis Panamint
Springs. Am Abzweig zur Wildrose - Wanderziel an Vortagen - war der
2. Marathon geschafft und die Schlafstelle von Familie Finkernagel
erreicht. Hier gibt es eine Toilettenanlage und einen Rastplatz -
ähnlich denen auf deutschen Autobahnen.
Uli ( Ulrike ) schläft hier aus Angst vor Ungeziefer auf dem Tisch.
Diese Raststätte signalisierte mir: müde, müde, müde. Ich wollte
schlafen, wenn auch nur für kurze Zeit. 10 bis 15 Minuten Tiefschlaf
sollten reichen, so kenne ich es von zahlreichen 48 Stunden Läufen
her. Also - Koffer raus aus dem Auto, damit sich der Beifahrersitz
nach hinten klappen ließ einsteigen und schlafen. Dieser Vorgang
wiederholte sich noch etliche Male, denn das Rennen war noch lange
nicht zu Ende. Andere Autos hatten hier ebenfalls einen Schlafstop,
sie standen jedenfalls noch da, als ich schon wieder auf den Beinen
war. Die Nacht war wunderbar. Der Himmel dunkel mit funkelnden
Sternen, nicht gestört durch erleuchtete Städte. Ein Sternbild
konnte ich deutlich ausmachen. Den großen Wagen; er stand genau über
mir, veränderte aber zum Morgen seine Position. Nein, das ist
falsch. Die Erde bewegte sich und verdeckte an der hinteren Achse
den unteren Stern. Wie war das doch: „Und sie bewegt sich doch !“-
Galileo Galilei. Überhaupt kamen in dieser Nacht Erinnerungen an den
Spartathlon 1994 auf. Die absolute Ruhe, die Märchenfiguren am Rande
der Strasse, die durch das Licht der Autoscheinwerfer auf die
spärliche Vegetation in meiner Fantasie entstanden, der mit Sternen
übersäte Himmel. Nur die Zikaden - wenn denn die Grillen hier so
heißen - zirpten nicht so laut. Kleines Getier huschte immer wieder
über die Strasse. Unser Licht störte. Um 5:20 am Morgen hatte ich
die 4950 Feet erreicht, den höchsten Punkt des Passes und jetzt ging
es wieder abwärts bis auf 1640 Feet. Mittlerweile hatten sich 1
Läufer und sein Begleiter zu uns gesellt. Ihr Auto hatte Panne.
Bereitwillig wurden sie von Heri mitversorgt Am ausgeweiteten
Straßenrand konnte ich die Autos von Dr. Klaus Mike, Christine Sell
und andere erkennen. Unser Blick führte talwärts. Und da, ganz
hinten, lag Panamint Springs. Nur noch bergab! Es ist ja nicht mehr
weit! Das „ Nicht mehr weit“ dauerte noch bis 9:30 und war dann auch
schon wieder 1900 Feet hoch. Ich konnte zumindest bergab ganz
ordentlich laufen, d.h., auch ich überholte Mitstreiter, was für ein
Gefühl! nicht Letzter zu sein, sondern immer noch mittendrin, trotz
Zwangspause! War meine Art der Vorbereitung doch richtig gewesen,
obwohl im Bekanntenkreis mir immer wieder gesagt wurde: Schone Dich!
Aber ..wie wird Schonen definiert: viel schlafen, mehr trainieren
und weniger Wettkämpfe bestreiten, oder gerade andersherum, oder gar
nicht mehr Laufen? Jeder hat da so seine eigenen Erfahrungen und
meine sehen immer ganz besonders aus. Gunnar von der Geest - Presse
- wollte im Januar von mir wissen, wann denn nun der 1000. Marathon
erreicht sein würde. Ich konnte Ihm den 24.04. nennen - Hamburg
Marathon. Bis dahin brauchte ich nur noch 11 Läufe zu absolvieren.
Ich musste mich zurückhalten um nicht mehr zu schaffen, es gibt so
viele schöne Veranstaltungen und eigentlich möchte ich keine
auslassen. Da kam die Marathonreise mit Ali Schneider nach Tahiti
zum Morea - Marathon über Argentinien, Chile und die Osterinsel
gerade recht. Kein Gedanke an Badwater. Als ich zurückkam war die
Bestätigung da. Was für ein Gefühl! Meine Bewerbungsergebnisse waren
sogar zu gut für die erste Startgruppe um 6 Uhr. Das passte mir nun
wieder nicht, wollte ich doch die morgendliche Frische genießen und
schon wegen des „Hilfefaktors“ mit Bernhard möglichst in seiner Nähe
laufen. Aber Günter wusste Rat und so bekam ich einen 6 Uhr
Startplatz. Im März waren es nur 3 Wettkämpfe u. a. Nürnberg - 6
Stunden. Schneematsch und Kälte schädigten meine großen Zehen. Im
April gab es den Kyffhäuser Berglauf und den 1. Marathon in Bad
Staffelstein. Dort sah ich das erste Mal, wenn auch nur kurz vor dem
Start Heribert Hofmann. Leider fand sich nach dem Lauf keine
Gelegenheit zum Kennenlernen. Aber, ich wusste, wie er
aussieht.Beides waren Geländeläufe, die ich besonders mag und im
Gegensatz zu nur gerader Strasse relativ gut laufen kann. Dann war
da noch das Trippel - Wochenende im Spreewald mit
Radrennbahnmarathon in Cottbus, Biosphärenmarathon in Lübbenau und
3. Spreewaldmarathon in Burg. Ja, dann war Hamburg an der Reihe,
danach die Harzquerung und Marathon um den Sulinger Stadtsee. Der
Parkhausmarathon in Dresden und einen Tag später der Oberelbe
Marathon von Königstein nach Dresden waren weitere Meilensteine auf
dem Weg zum Badwater. Es folgte ein Marathon auf der Bahn im Stadion
in Cottbus. Ich war Teilnehmer am Isarlauf und danach hatte sich
Felix mit mir zum Pastore ( 100 KM ) in Florenz verabredet Mit
Fahrrad, Bahn und Bus kamen wir nach Florenz. Beim Start - 15 Uhr -
waren es 34° im Schatten. Asphaltstrasse, 5o km bergauf und dann
wieder bergab, ein besseres Training für den Badwater könnte es
eigentlich nicht geben. Die Tourtour war aber noch nicht zu Ende.
Das Beste kam noch: Per Rad auf dem gleichen Wege nach Venedig!
Schon bei unserer Probefahrt in Berlin war ich sehr langsam
unterwegs. Felix wusste das vorher und war doch unangenehm
überrascht, wie langsam ich war. Bei jeder Steigung schob ich das
Rad. Das Rad war schwer und die Campingausrüstung kam noch dazu. In
Venedig durfte ich dann die Tour beenden; Felix fuhr über die Alpen
zurück, bis Garmisch Pattenkirchen. Ich nahm die Bahn bis Brenner
und stürzte mich dann die Brennerabfahrt hinunter, die Strecke, die
wir im vorigen Jahr als Tiroler Speedmarathon gelaufen waren. In
Berlin begutachtete ein Fachmann das Rad und war entsetzt darüber,
wie ich mich mit diesem Modell überhaupt in die Berge wagen könnte.
Aber, nachdem ich durch Diebstahl in 4 Jahren 4 Fahrräder
losgeworden bin, erwarb ich dies Rad beim Discounter und da ist es
jetzt auch wieder. Mit „Reisezeit“ flog ich anschließend nach
Äthiopien und lief den Abebe Bikila Marathon in Adis Abeba in 2400
Meter Höhe bei 28° . Es war alles ein bisschen knapp; ich hatte kaum
Zeit das Gepäck umzupacken und schon ging es weiter. Im Frühjahr
hatte ich Felix und Rainer zugesagt gemeinsam zum Graubünden - und
Zermatt Marathon zu fahren und jetzt wollte ich nicht mehr, da
Badwater ja auch eine Vorbereitung nötig hatte. Aber mitgegangen,
mitgegangen! Ich hatte die Anmeldungen getätigt, also wurde
gefahren. Es waren 14 wunderschöne Tage, fast immer sehr warm mit
vielen Höhenmetern im Wettkampf und als Wanderung. Kann man sich
entspannter auf ein großartiges Ereignis vorbereiten? Graubünden
endete mit einem heftigen Berggewitter und in Zermatt bekam ich als
Altersklassensiegerin einen runden 5 kg Bergkäse. Das bestellte
T-Shirt war dann nicht in „S“ sondern nur in „XL“ erhältlich, auch
als Nachtbekleidung zu riesig.
Es kann nicht falsch gewesen sein, sich mit außergewöhnlichen Läufen
auf den Jahreshöhepunkt vorzubereiten, denn Jahreshöhepunkt sollte
dieser Badwater Ultra schon sein. Ob er es bleibt? Am 17.08.starte
ich beim „La Transe Gaule“ vom Atlantik bis zum Mittelmeer und im
September ruft der Deutschlandlauf. Mal sehen, wie ich dann die
Dinge sehe.
Panamint Springs - die dritte Zeitmessstation war schon eine
Ewigkeit zu sehen, aber näher kam sie nicht. Eine Eigenheit dieses
Laufes und das sollte so bleiben. Ständig war das nächste Ziel
auszumachen, aber erreichen konnte man es noch lange nicht. Als ich
9:30 am 12.07. dort eintraf, hatte Bernhard gerade sein Frühstück
serviert bekommen. So weit war er also nicht vor mir. Auch er hatte
geschlafen. Endlich konnte ich wieder eine Selters trinken. Von den
bestellten Kartoffeln mit Ei aß ich nur Letzteres und begab mich
anschließend , Heris Instruktion folgend, in den Ruheraum. Eine
Stunde Pause war angesagt mit Duschen, Kleiderwechsel und Hinlegen.
Ich genoss das Langmachen, ach fiel das Aufstehen schwer. 10:30, die
Sonne brannte von oben und es ging weiter. Ich hatte meine
Schlafhose angezogen, da diese Hose die Oberschenkel locker
umschloss und das Brennnen der Sonnstrahlen besonders am Nachmittag
auf besagte Körperstellen verhinderte. Weiß - gelb, längsgestreift -
der letzte modische Lauftrend! Jetzt ging es ununterbrochen in
steilen Serpentinen bergauf bis zu 5000 Feet ( das Schild habe ich
zwar nicht gesehen, aber so steht es geschrieben ). Schwarze Felsen
auf der einen Seite, Abgrund auf der anderen. Die Müdigkeit kam und
um 14:30 musste ich eine Kurzschlafpause einlegen. Heri sah mich
ganz entsetzt an, als ich mein Schlafbedürfniss äußerte. Ich weiß,
was er dachte. Jetzt schon wieder schlafen, das kann ja heiter
werden: Wie wollen wir da ankommen? Aber, wenn der Kopf fast vom
Körper fällt, wenn jeder Schritt Hinfallen bedeutet, dann helfen
weder Cola noch Red Bull! Zehn Minuten Schlaf dagegen wirken Wunder.
Es sind dann wirklich nur zehn Minuten; der aufs Ziel fixierte
Körper ist dann wieder wach. Heri war natürlich auch sehr müde. War
er doch schon die ganze Zeit ohne Pause im Einsatz, während Bodo
sich ausreichend Erholung gönnte. Er konnte immer wieder einnicken,
während Heri das Auto bewegte und mich versorgte. Heri wäre so gerne
einmal etwas mit mir gelaufen schon um seine Müdigkeit zu vertreiben
und um zu erfahren: wie läuft es sich bei diesen Temperaturen, denn
er möchte den Badwater im nächsten Jahr selber laufen. Aber wer
sollte das Auto fahren? Bodo? Das ging ja nicht! Es war mein Fehler,
dass ich daran nicht gedacht hatte. Aber Heri hatte eine Idee! Er
fuhr vor und schaute nach anderen Teilnehmern aus. Und da konnte ich
trotz Schlafpause einen Mitläufer überholen. Ein kurzer Wortwechsel
zwischen den Fahrern und wir hatten bis zur nächsten Zählstation
einen amerikanischen Fahrer. Jetzt ging es leichter, Schritt für
Schritt, mit Heri zusammen, immer vorwärts zur nächsten Zählstation
bei 90 Meilen, die wir um 18:00 Uhr erreichten. Aber das dauerte und
dauerte; trotz jetzt möglicher Unterhaltung wollten die 90 Meilen
nicht näher kommen. Ich musste an Alfred denken. Alfred Gerauer war
2004 auch Finisher, obwohl er Panamint Springs erst um 18:00 Uhr
verließ. Wie hatte er das nur schaffen können?
Eine wohlverdiente Pause unterm Sonnenschirm! Ich zog die Schuhe aus
und besah meine Fußsohlen. Sie sahen nicht gut aus. Der Zeitnehmer
fotografierte sie und sagte: „Für‘s Internet.“ Ich brauchte
unbedingt ein Compeed für den Fußballen. Eigentlich bekomme ich
selten Blasen. Aber beim Badwater ist eben alles anders. Die Schuhe
musste ich locker schnüren, da immer Blockaden im Mittelfuß
auftraten. Dadurch rutschte der Fuß im Schuh hin und her; Das
Ergebnis: Blasen unter der Hornhaut. Und wie das wehtat. Aber was
half es: immer weiter, vorwärts, wer ankommen will, muss auch mit
Schwierigkeiten fertig werden. Die Fahrer der Begleitfahrzeuge
hatten sich mittlerweile kennen gelernt; Sie überholten sich im
Laufe des Rennens immer wieder, da ihre Läufer in nicht zu weiten
Abständen von einander liefen. Sie halfen sich gegenseitig. Diese
Hilfe erfuhr ich nun. Mein ausgestreckter Fuß war das Signal für
eine Begleiterin, die sofort mit Ihrer Sanitasche ankam und oh
Wunder meinen Fuß wortlos mit einem Compeed versah. Jetzt konnte es
weitergehen. Nur noch 45 Meilen bis zur Finish Line! 45 Meilen sind
ca. 72 km. Nur ein müder Läufer weiß, wie weit das noch ist. Bis
Lone Pine nur 13 Meilen weniger. Wie sollte ich nur bis dahin
kommen? Mit den müden und schmerzenden Füßen und den Schienenbeinen
die ein bergab gehen nicht ertragen würden? Also, blieb nur Laufen
und zwar so schnell wie möglich. Ich musste ins Laufen kommen und
raus aus dem Ultraschleichschritt! Es sollte jetzt nur noch bergab
gehen, jedenfalls bis Lone Pine und zwar ziemlich steil die ersten
Kilometer. Das war meine Chance. Bergab kann ich immer gut laufen.
Aber es tat ja so weh. Die Schienenbeine; der linke Fuß konnte nur
noch über den Außenrist abrollen und damit wollte ich ankommen? Vor
mir sah ich 2 Läufer, d.h. einen mit Begleitperson. Überhaupt,
alleine schien nur ich zu laufen. Alle hatten einen Begleiter dabei.
Natürlich wechselten sich diese ab. Aber immer einen neben oder vor
mir? Das konnte mir auch nicht gefallen. Vor mir schon gar nicht!
Ich brauche freie Sicht! Und immer hinter mir?, damit er jedes
Hinken registriert?, nein, das auch nicht! Ich fing ganz langsam an,
das Gefälle erhöhte meine Geschwindigkeit und siehe da, die beiden
vor mir waren mit einem male schon weit hinter mir. Das machte Mut.
In mir jubelte alles: ich kann, ich kann, ich kann wieder rennen!
Alle Angst war vorbei. Die Füße taten weh, aber es war auszuhalten
und ich kam voran. Die Sonne war noch nicht untergegangen, es lief
sich angenehm in die beginnende Nacht und es sollte so weitergehen.
Aber schlagartig überfiel mich die Müdigkeit. Egal wie gut es wäre
weiterzulaufen…, ich musste schlafen. Schon im Einschlafen aß ich
eine Ecke Schwarzbrot mit Brathering und trank ein Bier. War das ein
schönes Gefühl, wohlig durchzog mich eine endlose Müdigkeit. Es
werden jetzt alle an mir vorbei laufen, dachte ich noch…. Als ich
aufwachte, war es fast dunkel. „Na ja,“ sagte Heri, „wie erwartet,
man hat dich abgehängt. Aber die anderen werden auch noch schlafen
müssen und außerdem holst du sie sowieso wieder ein, wenn es so
weiter geht wie vorhin.“ Er glaubte an mich und staunte, dass ich
doch laufen konnte! Und es ging noch viel besser! Günters Worte
fielen mir ein: „Wer am Ende noch kann, der kann sehr viel
gutmachen“ und so war es! Nach 30 Minuten hatte ich mir freie Sicht
erlaufen. Fast 50 km ging es jetzt bergab und immer gerade aus. Nur
gut, das es dunkel war und die endlose Strasse sich nur erahnen
ließ. Die Sterne funkelten wie die Nacht zuvor. Es war warm,
windstill und ganz ruhig. Die einzigen Autos waren unsere
Begleitfahrzeuge. Weit vor mir sah ich rote Lichter. An die will ich
heran laufen! Ob Bernhard dabei ist? Er war in Darwin ( 90 Meilen )
eine Stunde vor mir aufgebrochen. Ich wusste, auch er muss schlafen.
Ganz weit vorne waren immer rote Lichter zu sehen. Das ist Lone Pine,
dachte ich , und die Lichter noch weiter vorn am Berg, die gehören
zu den Läufern, die bald am Ziel sind. Aber komisch ist es schon:
Die roten Punkte bewegen sich ja gar nicht. Sie stehen immer am
selben Fleck. Sind das wirklich die unseren? Aber wer sonst sollte
sich nachts am Berg aufhalten? Am Morgen wurde mir bewusst, das die
Bewegung auf diese Entfernung nicht sichtbar sein konnte. Ich lief
und lief, immer schön gleichmäßig bergab. Es machte wirklich Spaß
und Freude. Ab und zu war einer vor mir, aber nicht lange, mit
Powersnail gesprochen: Sie wurden versäg!. Leider nur bis zur
nächsten Müdigkeit. Und die kam unaufhaltsam. Also: Auto an den
Straßenrand, Koffer raus, Beifahrersitz nach hinten geklappt, vorher
Bodo geweckt und nach draußen gebeten, Sigrid ins Auto, Kopf nach
hinten und 10 Minuten schlafen. Nein, keine Schuhe ausziehen! Es tut
so weh beim Anziehen! Drei oder viermal ging es in dieser Nacht so
zu. Trotzdem konnte ich meine Position halten. Alle Anderen waren ja
ebenfalls müde. Die ersten Schritte nach so einer Pause waren
mühevoll, aber es ging immer weiter, weiter dem Ziel entgegen. Doch
was war da zu sehen? Heri hatte Recht. Das Auto am Wegesrand gehörte
Bernhard. Zwei Füße ragten aus der Heckklappe, die Kühlboxen standen
auf der Strasse und das Auto hieß Bernhard. Das war es dann, jetzt
hatte ich ihn wieder eingefangen und er wusste nichts davon! So
sollte es auch bis zum Ziel bleiben. Dieses gewünschte und doch
unerwartete Überholmanöver weckte alle Lebensgeister in mir. Und
dann schlief da noch Rainer Lösch am Wegesrand. Weiter ging es. Es
war immer noch dunkel, die Strasse ging immer noch gerade aus, alle
Sterne wie am Vortag und schon wieder müde. Alles von vorne. Der
Vorgang war eingeübt. Ich werde munter und höre deutsche Sprache und
sehe Rainer Lösch und Begleitung auf der anderen Straßenseite. Die
Gelegenheit für mich, in Gesellschaft schnell voran zu kommen. Mit
den Worten: „Nehmt mich mit“ war ich bei ihnen und ließ mich bis
Lone Pine nicht abhängen. Lone Pine war zwar in Sichtweite aber es
dauerte und dauerte bis wir endlich da waren. Für kurze Zeit wurde
es ganz kalt, T-Shirt und Trainingsjacke wurden übergezogen. Bodo
erwachte und lief jetzt vorneweg, aber nicht für mich und nicht mit
mir, eben so für sich. Eigentlich sollte er ja betreuen, aber das
hatte Heribert schon die ganze Nacht vollkommen und alleine
übernommen. Die Stadt vor mir nahm verschiedene Gestalten an. Einmal
sahen alle Häuser aus wie riesige Pilze, darauf teilten sich die
Pilze und wurden kleine Hügel und dann waren es wirklich die Berge.
Die Häuser zeigten sich erst nach dem wir rechts abgebogen waren.
Immer noch 3 km bis zur Zeitnahme im Hotel
Ich war zufrieden; 5:45 am 13.07. zeigte die Uhr. Um 6:00 hatte ich
hier sein wollen. Geschafft und Frühstückshunger. Der Abstecher für
Kaffee und Ei dauerte 45 Minuten. In die Lokalität kam ein Badwater
Fan. Hatte er mich gesehen? Die Ersten hatte er schon gesehen und
war begeistert von unserer Leistung, so begeistert, dass er das
Frühstück für uns drei bezahlte. Ich quälte mich mühsam in meine
Schuhe. Die unbeschuhten Füße hatte die Kellnerin schon beanstandet,
aber die Wirtschaft war nicht so vornehm, als das ich dort nicht
schuhlos sitzen könnte. Jetzt waren es nur noch 13 Meilen bis zur
Erfüllung aller Wünsche. Ich warf T-Shirt und Jacke ab und gab der
leichten Bekleidung den Vortritt. Die Sonne war früh um 6:30 schon
sehr warm und brannte unbarmherzig auf den Hinterkopf. Ich lief
durch eine Traumlandschaft. Rauschender Bach an der einen Seite,
Felsen in jeder Formation und Größe auf beiden Seiten der
Asphaltstrasse, die sich unbarmherzig nach oben wand. Nur hier
konnten die zahlreichen Wildwest - Filme gedreht worden sein. In
weiter Ferne sah ich die Serpentinen, die ich zur Erfüllung meiner
Wünsche noch nach oben steigen musste. Bodo stürmte mit freiem
Oberkörper ohne Trinkflasche an mir vorbei. Er lief jetzt sein
Rennen, zeigte mir, wie schnell man den Berg angehen konnte, aber -
ich hatte mit Ihm nichts mehr zu tun. Seine Betreuertätigkeit war
schon in der Nacht vorbei gewesen. Diesen letzten Spaß sollte er
haben. Heri fuhr mit dem Auto vor. Stieg aus, gab mir zu Trinken…,
stieg wieder ein, fuhr weiter.., immer wieder im Wechsel. Ich lief
an Rainer Lösch und Begleiter vorbei, erstaunt, sie noch hierzu
sehen. Ich dachte, die beiden hätten einen Riesenvorsprung
herausgearbeitet. Aber wie das so ist, jeder braucht eine
Erholungspause. In der Ergebnisliste sah ich später, dass ich ihm
bergauf eine Stunde abgenommen hatte. Jedoch, Rainer war 2 Stunden
später gestartet. Heri wäre jetzt gerne mit mir gestiegen, aber wer
sollte unser Auto bewegen? Die Lösung kam von selbst. Ich traute
meinen Augen nicht: vor mir bewegte sich ganz vorsichtig Karl-Heinz!
Wie war das möglich? Er war immer weit vor mir unterwegs gewesen.
Ihm ging es sehr schlecht. Magen, Füße, Kopf - alles war geschädigt.
Seine Begleiter boten uns Fahrdienst an. Sie fuhren mit beiden Autos
nach oben und kamen mit ihrem wieder zurück. Jetzt hatte ich einen
unnachgiebigen Begleiter bis ins Ziel. Alle paar Schritte wurde mir
die Trinkflasche gereicht. Verweigerte ich den Schluck, kam sie
gleich darauf wieder. Aus dem Auto heraus wäre das nicht möglich
gewesen. Einen Schluck trinken, ein paar Wassertropfen auf Kopf und
Schulter.., so ging das 4 Stunden lang. Erst im Ziel erfuhr ich,
dass mein Begleiter während dieser ganzen Zeit selber nichts
getrunken hat. Nur mein Ankommen war für Ihn wichtig! Heribert,
vielen, vielen Dank. Der Zubringer zur eigentlichen Steigung war
lang. Schritt für Schritt, ich kann schnell steigen, habe es in
Graubünden und Zermatt beweisen können und hatte das Gefühl, hier,
auf dieser fast glatten Asphaltstrasse förmlich zu kleben - dabei,
so sah es für mich aus, ging sie nach unten. „Dreh dich einmal um,“
sagte mein Begleiter, „dann weist du, warum es so mühsam ist“. Und
es ging wirklich nur nach oben. Der Rückblick zeigte bergab! Ich
wusste, dass Läufer vor mir waren, ich wähnte Bewegung auf der
Serpentine, aber sehen konnte ich Nichts. Die flimmernde Luft lies
das nicht zu und täuschte, so das Strasse bergauf aussah wie Strasse
bergab. Die ersten wirklichen Bäume wuchsen Hier. Nadelbäume, wie
das duftete. Rechts am Wege stand ein einmaliges Warnschild: Caution
Bären! Hier gab es wirklich frei lebende Bären. Sie sind geschickte
Autoknacker, wenn Verpflegung darin gewittert wird. Auf dem Withney
Portal wird vor ihnen gewarnt. Endlich war ich auf der Serpentine.
Jetzt ging alles viel schneller. Wir überholten ein Auto, Heri
konnte dort Wassernachschub tanken und eine Läuferin arbeitete sich
an mir vorbei. Egal! Noch eine Kurve, und noch eine.., wann ist das
Ziel erreicht? „Noch 4 Kilometer,“ sagte mein Begleiter. Er hatte es
von anderen gehört. Irgendwie wollte ich das nicht glauben. Bodo war
wieder aufgetaucht; Er stand an einer Aussichtstafel, hatte sich
zwei Trinkflaschen besorgen können und schloss sich uns an. Da bog
ein Auto um die Kurve und heraus sprang Jürgen mit gezückter
Kamera.“ Was, du bist schon hier, ich habe dich unten gesucht, wieso
bist du so schnell?“ Jetzt musste ich aber wirklich lachen. Ich und
schnell! „Du wolltest doch 60 Stunden brauchen,“ er konnte es nicht
fassen. Foto von da und noch eines von der anderen Seite! „Jürgen,
wie weit noch,“ rief ich, als er schon wieder davon rauschte.
„Höchstens noch eine halbe Meile,“ konnte ich gerade noch hören.
Was, schon fast am Ziel! Das gab neue Kräfte! Rechts um die Kurve,
da stand mein Auto. Jawohl, es war meins! Sigrid Eichner war darauf
zu lesen! Heri öffnete es, noch im Laufen zogen wir unsere Badwater
T-Shirts an und dann waren wir da! Aber wo war denn nun die
heißersehnte Finish-Line, wo war das Ziel? Ich konnte es nicht
ausmachen, obwohl die Zeit gestoppt wurde. „Go to back,“ der
Zieleinlauf wurde wiederholt, man hatte das Zielband vergessen, das
für jeden Läufer neu gespannt wurde. Jetzt war ich wirklich da! Wir
waren angekommen, nach 52 Stunden, 45 Minuten und 46 Sekunden. Zum
Heulen blieb keine Zeit und die stille Freude - es geschafft zu
haben - stellte sich erst später ein. Jetzt war erst recht Trubel.
Foto hier und Foto dort, Umarmungen, Fragen des medizinischen
Personals und warten auf meine Freunde. Würde Karl-Heinz rechtzeitig
ankommen können. Er ging so mühsam. Und Bernhard, wann würde er wohl
dasein? Wusste er, dass ich ihn in der Nacht überholt hatte?
Natürlich nicht, wie sich später herausstellte. Sie kamen, kurz
hintereinander, beide ins Ziel und wurden gebührend gefeiert.
Am Abend gab es Pizza und Ehrungen für alle. Auf der Strasse
umarmten mich Unbekannte, Glückwünsche von allen Seiten, ein
wunderbares Gefühl. Dass es etwas ganz Besonderes war diesen Lauf
geschafft zu haben wurde mir langsam klar. Aber hatte ich ihn
geschafft?, nein wir , zusammen, ohne Hilfe wäre das nicht möglich
gewesen. Und auch Bodo war daran beteiligt, er konnte es nur nicht
besser. Beim Bier am Abend erfuhr ich von Holger: „Ich hätte nicht
geglaubt, dass du das Schaffen kannst,“ und Uli sagte: „Schaffen
schon, aber nicht im Zeitlimit! und Bernhard haben wir das auch
nicht zugetraut!“ Wie man sich doch täuschen kann. Darauf sind
Bernhard und ich mächtig stolz! Am nächsten Tag ging es nach Las
Vegas zurück. Wir hielten an den Zeitnahmestationen des Rennens und
ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass ich das alles gerannt
sein sollte. Diese Erfahrung mache ich übrigens immer wieder. Und
doch ist es so gewesen! Überall trafen wir Läufer, die auf der
Rückreise waren. Jeder gratulierte jedem und sagte: „Bis zum
nächsten Mal.“ Wird es ein nächstes Mal geben können? Jetzt vier
Wochen nach dem Lauf, denke ich, schon! Was könnte man alles anders
und besser machen? Diese Reden und Diskussionen sind uns aber allen
bekannt und nichts Neues. Jeder Lauf wird hinterher nach diesen
Gesichtspunkten zerpflückt.
Wir verlebten noch drei schöne Tage in Las Vegas, hatten manchen
Spaß miteinander und redeten natürlich immer wieder über den
Badwater Ultra. Was hatte ich alles erlebt. Immer wieder fielen mir
kleine Episoden ein. Und meine Füße taten immer noch so entsetzlich
weh und tun es heute - fast vier Wochen danach - auch noch ( vier
Marathons bin ich inzwischen mit ihnen gehumpelt ).
Es gibt Läufer, die haben dieses Rennen zweimal hintereinander d.h.
in einem Wettkampf , absolviert. Das waren 2002 Eberhard Frixe und
Uli Weber. Ihr Bild hängt in der Registration in Stovepipe Wells und
Heribert will meines im nächsten Jahr dazu hängen, wenn er denn den
Badwater laufen sollte. Und dann ist da noch Jack Dennes, heute 70,
er war der älteste Teilnehmer - das 12. Mal in Folge - und soll
dieses Rennen sogar dreimal hintereinander bewältigt haben. 2006
will er nicht mehr antreten, so sagte er mir.
Im kalten und nassen Deutschland wurde und werde ich wiederholt
gefragt: Welcher Lauf ist schwerer? Der Grand Raid oder der Badwater
Ultra? Meine Antwort: Ausprobieren!
Grand Raid auf steilen Gebirgspfaden mit Felsen, Steinen, Wurzeln,
Absturzgefahr bei Unaufmerksamkeit, Regen und Matsch möglich,
tropisches Klima, 8000 Höhenmeter, aber nur 140 Kilometer und ohne
Betreuer mit zahlreichen Verpflegungsstellen. Der Läufer bestimmt
alleine und ist ganz auf sich gestellt. Der Badwater Ultra auf
glatter Asphaltstrasse ohne Baum und Schatten, trockene Hitze,
niemals kalt, 4000 Höhenmeter, ist ohne fremde Hilfe nicht möglich,
allerdings 217 Kilometer, Zeitlimit für beide : jeweils 60 Stunden!
Im - Spiridon 6 / 2005 - wird mir in einem Beitrag über mich mir in
den Mund gelegt. „ich will die erste sein, die diesen Lauf in diesem
Alter schafft!“ Abgesehen davon, dass ich das so nicht gesagt habe -
keine Vorschußlorbeeren - bin ich jetzt wirklich die Älteste, die
das bisher geschafft hat. Aber, das muss ja nicht so bleiben.
Meine Abschiedsworte für Chris Kostman, Race Direktor - am Ende der
Veranstaltung:
- The most people death in the bed and not in the Death Valley -.
(Die meisten Leute sterben im Bett und nicht im Death Valley - Tal
des Todes - ).
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