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Badwater 2005 - ein Laufbericht von Heribert Hofmann, Supporter von Sigrid Eichner beim Badwater Ultra Marathon 2005

 

Einen Bericht über Badwater 2005 zu schreiben? Und das noch aus Sicht eines Laufbetreuers?

Da gibt es doch schon so viele! Langsam wird es doch langweilig, oder. Trotzdem entschließe ich mich dazu, da die Umstände wie ich dazu kam und wie es dann ablief doch schreibenswert sind. Ansonsten kann der Leser sich hier……genau hier…… ausklinken.

Der Wunsch den Badwater selbst zu laufen entstand 2004 nach Berichten von meinem Lauffreund Uli Weber, der schon viermal (!!) teilgenommen hat. 2006 soll es soweit sein.

Als Vorbereitung kommt mir der Comrades Lauf in Südafrika genau richtig. Beim Suchen im Internet nach einen Veranstalter für die Reise stoße ich im Februar bei  Steppenhahn's Webseite auf einen Eintrag. Da sucht doch jemand einen Supporter für den Badwater 2005.

Warum nicht? Bewerben kann ich mich mal, nur als Jux, ich als Nobody, der erst 2004 in den Ultrabereich vorgestoßen ist, habe sowieso keine Chance bei bestimmt 50 oder 60 Bewerbern.

Zumal es sich bei dem Läufer um eine 64 jährige Berlinerin handelt, mit dem Namen Sigrid Eichner. Nie gehört den Namen.

Um so überraschter bin ich eine Woche später, als ich eine Mail bekomme: Ich nehme dich als Supporter, musst dich aber sofort entscheiden, da die Flüge gebucht werden müssen. Gruß, Sigrid Eichner. Außerdem bin ich der einzige Bewerber (welch Trost!).

Ich kann mich mit dem Gedanken sofort anfreunden, muss natürlich noch mit meiner Frau Margitta reden, da der Comrades sterben muss, der nach dem  Lauf als gemeinsamen Urlaub geplant war. Doch Margittas Worte erstaunten mich. Das machst du natürlich, da weißt du wenigstens, was auf dich zukommt, wenn du 2006 selber laufen willst. Daraufhin habe ich in meinem jugendlichen Leichtsinn (oder war es die Altersdemenz?) zugesagt.

 

 

 

Die Vorbereitung oder die Realität holt mich ein

 

Die Wochen vergingen. Mittlerweile erkundigte ich mich im Internet, wer diese Eichner war…. Okay, über 1000 Marathonläufe, aber mit 64 Jahren den Badwaterlauf ??? Es gibt aber kein zurück mehr, die Flüge und Übernachtungen sind gebucht. Karlheinz Kobus, der auch als Läufer mitgeht, habe ich beim Gedächtnislauf in Würzburg kennen gelernt. Er meint das klappt schon alles.

Zwei Wochen vor Abflugtermin interessiert es mich schon mal wie das Unternehmen angegangen werden soll. Wo sind wir untergebracht, welchen Flug haben wir? Uhrzeit? Ist alles besorgt was wir brauchen? Nur Chaos! Keiner weiß Bescheid und  Sigrid ist nicht erreichbar, sie läuft in der Schweiz, kommt erst einen Tag vor Abflugtermin zurück. Der zweite Supporter für Sigrid ist ein siebzigjähriger Mann ohne Führerschein.

Was, wie soll ich das machen? Drei Tage Auto fahren, ohne zu schlafen, ich dachte ich sollte supporten.

Nach Rücksprache mit den Veterans Uli Weber und Eberhard Frixe muss ich doch einiges selbst in die Hand nehmen. Ich drucke das Race Magazine aus und mache mir eine Checkliste, was wir in den USA für den Lauf einkaufen müssen. Ich besorge die Autobeschriftung für “uns“, Karlheinz Kobus und Bernhard Sesterheim (der dritte Läufer, der mir aber bis jetzt noch unbekannt ist).

Ihn treffe ich erstmals zusammen mit Sigrid am Abflugtag (6. Juli) in Frankfurt am Flughafen, dann unseren zweiten Supporter, Bodo Rathsberg und Günter Böhnke, der Betreuer von Bernhard. Nach einen angenehmen Flug, Landung in Las Vegas und Hotelbezug erfahre ich, dass wir morgen schon ins Death Valley fahren und bis zum Start in Stovepipe Wells übernachten. Davon bin ich gar nicht begeistert, es reicht doch wenn wir die Hitze so spät wie möglich über uns ergehen lassen. Bodo gefällt es auch nicht. Er möchte die drei Tage bis zum Lauf in Nevada herumfahren. In Hotels gefällt es ihn sowieso nicht. Viel zu teuer, am liebsten im Freien schlafen, ohne Dusche, nur von Chips ernähren (das tun auch die Indianer???). Nun das ist auch nicht das, was ich mir vorstelle. Doch Günter, der mehr oder weniger als Reiseleiter auftritt, lässt sich nicht beirren: Alle Übernachtungen sind gebucht, es gibt keine Umbuchungsmöglichkeit. Wir fahren. Am Donnerstag, den 7. Juli vormittags fahren wir in einem der großen Einkaufsmärkte am Rande von Las Vegas, um die Verpflegung für die kommenden Tage und das Rennen einzukaufen. Hierbei erweist sich meine Checkliste als sehr hilfreich. Bodo steht recht unbeteiligt im Supermarkt herum und kauft nur Dinge für sich ein, die er anscheinend benötigt (es sind natürlich Chips und undefinierbare Teiglinge für Fladenbrote, die ich nach dem Rennen entsorgen musste). So besorge ich die Kühlboxen, Verpflegung, und natürlich erstmal eine ganze Ladung Eis, das sich im Lauf der nächsten Tage als das wichtigste herausstellt, was wir brauchen.

Nach dem Einkauf geht es los: Wir fahren ins Death Valley. Beeindruckend die Landschaft, besonders am Zabriskie Point. Der Aussichtspunkt Dante's View ist gesperrt, Straße weggespült. Im Frühjahr gab es sintflutartige Regenfälle, wie seit fünfzig Jahren nicht mehr. Es sind sogar Menschen ertrunken. Also fahren wir nach Badwater, zu dieser Wasserpfütze 85,5 m under Sea Level. Anschließend die Fahrt nach Stovepipe Wells, vorbei an Devils Cornfield und den herrlichen Sanddünen.

Stovepipe Wells: eine Ortschaft, nein, eine Tankstelle, ein Store und eine Rezeption zum Verwalten der kleinen Bungalows, die für die nächsten vier Tage unsere Behausung sind (Home, sweet Home).

Ach ja und ein Swimmingpool mitten in der Wüste, das hat doch was. Erst jetzt merke ich, was für ein Zauber diese vordergründig trostlose Gegend hat. Irgendwie erhaben und stark, dem sich alles unterordnen muss, Menschen, Tiere und Pflanzen. Unterordnen der gnadenlosen Hitze und menschenfeindlichen Vegetation. Erstaunlicherweise komme ich mit der Hitze sehr gut zurecht, bewege mich den ganzen Tag mit freien Oberkörper, ohne einen Sonnenbrand zu bekommen; ich glaube ich kann mich mit diesen Temperaturen anfreunden, oder doch zumindest arrangieren.

Am nächsten Tag laufe ich mit Günter zu den Dünen ( hin und zurück ca. 5 Meilen) um das Gefühl des Laufens bei den Bedingungen mitzubekommen.  Nach 2 Meilen und heißen Gegenwind zeigt mein Pulsmesser so 170 Schläge an, obwohl wir langsam laufen. Ist doch nicht zu unterschätzen, diese Temperaturen und vor allem der heiße Wind. Um eine Vorstellung zu bekommen, steckt einfach mal den Kopf in einem eingeschalteten Heißluftofen ( bei 150 bis 200 Grad). Das Gefühl kommt ungefähr so hin.

In den nächsten zwei Tagen unternehmen wir einige Ausflüge rund um Stovepipe Wells und lernen so die Gegend kennen und auch die Laufstrecke, zumindest bis Panamint Springs. Günters Planung, die Tage vor dem Rennen im Death Valley zu verbringen, war doch goldrichtig. Ein gewisser Gewöhnungseffekt an die Natur und die Hitze stellt sich ein, ja man schließt direkt Freundschaft mit der lebensfeindlichen Wüste. Höhepunkt ist das allabendliche kalte Bier unter einem gewaltigen Sternenhimmel.

Das Rennen rückt näher. Die Frage eines zweiten Fahrers brennt mir auf den Nägeln. Sigrid meint, wir können einen zweiten Fahrer beim Pre-Race Meeting am Sonntag  anheuern.  Doch das erweist sich als Trugschluss. Am Sonntagabend vor dem Rennen steht fest: Ich bin der einzige Fahrer.

Das Pre-Race Meeting fand im Death Valley National Park Visitor Center von Furnace Creek statt. Als wir dort gegen 13 Uhr ankommen, hatte sich schon eine lange Läuferschlange vor der Halle gebildet. Einige Fernsehteams umlagern die Läufer und Sigrid wird gleich von einer Journalistin angesprochen, die sie um ein Interview bittet. Wir sollten dieser Frau beim Rennen noch öfters begegnen, wo sie von Sigrid Bilder machen sollte. Die Schlange löste sich erstaunlicherweise schnell auf und wir können sehr rasch die Formalitäten zur Anmeldung tätigen. Danach noch das Foto mit Startnummer fürs Internet und wir setzten uns im Auditorium um Chris Kostman´s (der Race Director und Veranstalter von Badwater Ultra) fast dreistündigen aber sehr interessanten Vortrag über das Rennen anzuhören. Ich übersetzte  zwischendurch das Wesentliche für Sigrid. Am Ende bietet sich die Möglichkeit auf freiwilliger Basis bei einen Langzeittest für die Läufer mitzumachen. Wir melden uns an, Sigrid muss ihr Blut hergeben und einen Fragebogen ausfüllen. Ich werde als Supporter auch in den Test eingewiesen, soll während des Rennverlaufs alles aufschreiben, was sie zu sich nimmt, in diversen Behältern sammeln was sie ausscheidet. An jedem Zeitmesspunkt wird ihr dann noch Blut abgenommen und das Gewicht festgestellt. Das bedeutet hauptsächlich für mich eine zusätzliche Belastung, doch finde ich es hochinteressant und nehme die zusätzliche Arbeit gerne auf mich. Um 18 Uhr Sonntags fahren wir nach Stovepipe Wells zurück und verbringen die letzte Nacht in unserem so vertrauten Wüstendomizil.

 

 

Der erste Streckenabschnitt oder der Absturz

 

3:30 Uhr: Aufstehen, duschen (das letzte Mal bis Mittwoch) kurzes Frühstück und dann in die Fahrzeuge, die mit der Startnummer und dem Namen des jeweiligen Läufers beklebt sind.

Wir erreichen Badwater um 5:15 Uhr, es wird gerade hell und die Sonne färbt die Gebirgskette um den Mt. Telescope Peak in einem zarten Rot. Auch die Temperatur ist erstaunlich angenehm, oder habe ich mich wirklich schon an die Hitze gewöhnt?  Die letzten Fotos werden gemacht und Chris Kostman ruft die Läufer der „First Wave“ an den Start. Wer die Amerikaner kennt - ohne Nationalhymne geht da nichts. Der Startschuss fällt, das Rennen beginnt……

Sigrid läuft in ihrem Schlurfschritt im Starterfeld, das sich langsam aber beständig auseinander zieht.

Es dauert nicht lange und wir sind einer der letzten Läufer; aber das Rennen geht über 3 Tage, da ist es kein Fehler, langsam anzugehen.

Plötzlich taucht ein Auto neben mir auf und ein Mitarbeiter von Chris Kostman´s Team schreit mich in schwer verständlichen Englisch an, dass ich nur außerhalb der Straßenmarkierung halten darf, quasi im Sandstreifen zwischen Strasse und Felsgeröll. Ich wusste nicht, dass das so streng gehandhabt wird. Dasselbe passiert mir nach einigen Meilen noch einmal, doch diesmal mit einer Verwarnung und der Androhung des Rennausschlusses. Ich erkläre noch „Sorry, this is the first time I take place here and I'm not used to drive and support“, doch das interessiert keinen hier . Also muss ich in Zukunft besser aufpassen, ist es doch nicht einfach zu fahren, auszusteigen, Klappe hoch, Eisbox auf, Getränke raus, über die Strasse Sigrid entgegen laufen und dasselbe wieder rückwärts. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies der Rhythmus für die nächsten drei Tage sein wird und das tausendfach!

So bewegen wir uns am Ende des Läuferfelds anfangs in Sichtweite von Bernhard, der uns aber immer mehr enteilt.  Doch kurz vor Furnace Creek, nach 14,4 Meilen ( am Golden Canyon) überholen wir Bernhard, der hinter einen Busch ein größeres Geschäft erledigt. Das gibt Sigrid Auftrieb und obwohl die Sonne jetzt schon ziemlich heiß herunterbrennt, schwebt sie geradezu der ersten Zeitmessung nach Furnace Creek (17,4 Meilen), entgegen.

Ich fahre schon voraus um voller Stolz meine Läuferin anzukündigen. Neben dem Kontrollpunkt parke ich das Auto, hole den Klappstuhl heraus, während Bodo gemütlich in den Store zum Einkaufen geht.

Sigrid gönnt sich gerade mal 10 Minuten um zu Essen, Trinken und Schuhe zu wechseln (die erste Blase hatte sich schon gebildet), immer mit einem Auge zu Bernhard schielend, der hinter uns  angekommen war. Als wir wieder losliefen wäre Bernhard auch gleich mitgelaufen, aber sein Betreuer Günter verordnete ihm eine längere Pause. Kaum war ich 200 m von Furnace Creek entfernt, schleicht doch so ein Kojote seelenruhig über die Strasse. Hier ist die Natur noch in Ordnung, denke ich.

Wir kommen unseren ersten Marathon Richtung Stovepipe Wells immer näher, doch die Straße wird immer unendlicher, die Hitze unerträglicher und Bodo immer mehr eine Last. Auch Sigrid läuft immer schwerfälliger und langsamer. Ich kühle ihren Kopf mit kalten Tüchern aus der Eisbox, auch über ihre Schultern kommt immer ein frisches eiskaltes Tuch. Doch es hilft nur wenig, immer öfters muss sie sich auf dem Klappstuhl ausruhen. Sie will in den Schatten, aber den gibt es hier nicht weit und breit. Selbst unser Auto wirft kein Schatten. Da komme ich auf die Idee Ihren Körper komplett in ein mitgebrachtes Bettlaken (das ich aus dem Eiswasser hole) zu wickeln um so ihren Körper abzukühlen. Das tut ihr offensichtlich gut, aber trotzdem wird sie immer langsamer. Ein Wagen der Rennleitung bekommt das auch mit und erkundigt sich turnusmäßig nach Sigrids Befinden und ob sie es denn schafft. Ich erwidere: "She is a strong and tough Lady".

In der Zwischenzeit hat uns auch Bernhard längst überholt. Sigrid geht nur noch im Schleppschritt vor sich hin. Ich bin mir zu dem Zeitpunkt nicht mehr sicher, ob wir das Rennen in 60 Stunden schaffen. Dass wir am Ziel ankommen, da zweifele ich nicht, nur in der vorgegebenen Zeit ist mehr als fraglich.

Wieder fährt das Rennleitungsauto zu uns, gleichzeitig mit dem Auto der medizinischen Versorgung. Die Männer sehen auch, dass meine Läuferin absolut an ihrem körperlichen Leistungsvermögen ist und raten uns, das Rennen zu unterbrechen und den medizinischen Dienst in Stovepipe Wells in Anspruch zu nehmen. "Put your stick in the bottom and drive to the Medical Center" sagt mir der mittlerweile schon bekannte Rennbeobachter. Doch Sigrid lehnt ab.

Endlich erscheinen am Horizont die Sanddünen und dahinter der zweite Kontrollpunkt Stovepipe. Mittlerweile ist aber auch schon 16 Uhr, d.h. wir sind seit 10 Stunden unterwegs. Dann taucht Angie, die Betreuerin des deutschen Teams von Thomas auf, der schon letztes Jahr  mit Erfolg teilgenommen hat. Sigrid kannte sie schon von früheren Laufveranstaltungen und ist daher froh als sie sich anbietet sie ein Stück zu begleiten. Es ist zwar eine Abwechslung, aber kurz vor Stovepipe an der Stelle „Devil´s Cornfield“, geht endgültig gar nichts mehr. Ich hole den Stock mit unserer Startnummer 23 heraus und stecke ihn seitlich direkt in das „Kornfeld des Teufels“. Daran binde ich mein Tuch, das mich vor Hitze schützt, um den Stock in der Weite der Wüste wieder zu finden. Mit dem Einrammen eines „Stick“, den der Läufer mit den Startunterlagen erhält, kann das Rennen unterbrochen werden, um sich unter anderem zu erholen oder medizinisch versorgen zu lassen. Der Lauf muss natürlich beim Stock wieder aufgenommen werden und die Zeit läuft während der Unterbrechung weiter. Ich verfrachte Sigrid ins Auto und fahre die 3,5 Meilen nach Stovepipe Wells zum medizinischen Dienst.

In dem Raum befinden sich schon ein halbes Dutzend Läufer; Schreie durchdringen den Raum, ein Läufer liegt auf der Trage, umringt von ärztlichen Betreuern; er windet sich vor Schmerzen, die ihm Krämpfe in den Beinen zufügen. Er schreit seine Schmerzen förmlich hinaus. Ich denke mir, kann man sich wirklich schon nach 42 Meilen (ca. 67 km) so verausgaben, dass hier das Ende ist, bevor der Läufer richtig angefangen hat? Alle in der Station befindlichen Läufer sind mehr oder minder vom bisherigen Streckenabschnitt gezeichnet. Jetzt bekommt erst  der Name des Tals für mich die richtige Bedeutung: „Tal des Todes“. Sigrid begibt sich in der Obhut der Rennärztin (die 2004 auch das Rennen gelaufen ist) und ihrer Helfer. Sie  plagen Krämpfe und höllische Schmerzen. Eigenartigerweise habe ich kein Mitgefühle mit ihr, ich habe das Gefühl sie hat das schon oft durchlebt und hat all ihre Läufe zu Ende gebracht und das wird sie diesmal trotz deprimierenden Verlaufs auch tun. Auch für mich steht an erster Stelle den Lauf mit ihr auf alle Fälle im Zeitlimit zu beenden. Und diesem Ziel opfere ich sogar Bodo, aber davon später mehr.

Neben uns liegt ein deutscher Läufer, Dr. Klaus Micka, wie ich erst später erfahre, betreut von seiner Frau. Sie bietet sich an zu dolmetschen, damit die Ärzte und Helfer Sigrid vernünftig behandeln können. So kann ich getrost zum Wagen laufen um die Eisvorräte  aufzufüllen, Müll zu entsorgen und was ich mir nicht nehmen lasse: Ein kurzes Bad im Swimmingpool mit anschließender Körperpflege unter der Dusche.

Bodo hat sich irgendwo abgesetzt, im Store, wie sich später herausstellt. Er war bis jetzt sowieso nur mehr Last als Hilfe und machte eigentlich alles falsch, was man nur falsch machen kann. Dadurch war auf der Strecke ein handfester Streit vorprogrammiert, ich musste ihn immer wieder in seine Schranken weisen. Nach der Dusche war ich fest entschlossen, Bodo hier zu lassen und ihn am Donnerstag auf dem Rückweg (nach dem Rennen) wieder mitzunehmen, so belastete mich seine Anwesenheit.

Am Swimmingpool traf ich Karlheinz Kobus, auch schon vom ersten Tag gezeichnet. Sofort schoss mir eine Idee durch den Kopf: Hallo Karlheinz, wie geht es dir? Habt ihr kein Platz im Auto für Bodo? Ich komme mit ihm nicht klar. Ihr könnt ihn während des Rennens hinten rein setzen, er ist sehr genügsam, fügte ich noch hinzu. Karlheinz überlegte, hatte er doch keinen klaren Kopf so wie er aussah. Ja das können wir machen: erwiderte er. Ich jubelte schon innerlich, doch dann sagte er: „Ich glaube das gibt Ärger mit meinen Betreuern die lassen das nicht zu, nein lieber doch nicht. Enttäuscht gehe ich zur Krankenstation, um mich nach dem Zustand meiner Läuferin  zu erkundigen. Sigrid ging es sichtlich besser. Sie war total dehydriert und erst nach Einflößen von 2 Litern Spezialgetränke, kamen die Lebensgeister zurück. Die haben mir so viel Getränke eingeflößt, dass es mir wieder aus der Nase herausgelaufen ist sagte sie mir, aber ich will jetzt weiter. Ich frage den anwesenden Arzt wie es ihr geht. Er entnimmt ihr Blut und untersucht es sogleich. Und welch ein Wunder: sämtliche Blutwerte sind wieder in Ordnung. She is able to run, she is o.k., sagt mir der Doktor. Sigrid will gleich wieder weiter, doch ich verordne ihr erst einmal eine Dusche und dann ab ins Restaurant. Auf dem Weg zur Dusche sage ich ihr dass ich Bodo da lassen werde und sie ihm das erklären soll, da sie ihn ja schließlich kennt. Sie sieht ein, dass es mit uns nicht funktioniert und will nach der Dusche mit ihm reden, während ich im Restaurant  ein Essen für uns bestelle.

Nach einer Weile kommt Sigrid ins Restaurant; ganz aufgeregt erzählt sie mir: Ich habe Bodo gesagt er soll entweder zum Essen kommen oder in Stovepipe Wells bleiben, da er als Betreuer nichts taugt.

Da hat er mich angeschrieen und mir Wörter an den Kopf geworfen, die hier in dem Bericht lieber nicht niedergeschrieben werden. Ich beruhige sie. Iss erst einmal deine Spagetti, ich rede noch mal mit Bodo.

Bodo sitzt im Vorraum der Krankenstation und unterhält sich mit dem mehrmaligen deutschen Teilnehmer Said Kahla. Der gibt mir zu verstehen, dass er Bodo beruhigen will und mit ihm redet. Ich sage nur zu Bodo: Kommst du nun zum Essen oder nicht? Wir fahren in einer halben Stunde. Wir sitzen im Restaurant bei einem guten Essen, das Sigrid wieder aufbaut, da erscheint Bodo. Er setzt sich und sagt, er fährt mit uns, will aber das machen, was ich sage. Du bist der Chef, sagt er zu mir. Da ich Streit hasse, besonders bei so einem Unternehmen, und wir noch länger in nächster Zeit zusammen sind, willige ich ein, bestelle ihm was zu essen. Wir müssen aufbrechen, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Iss du in Ruhe, wir fahren zu unserem „Stick“ zurück und holen dich hier an der Strasse  beim zweiten Kontrollpunkt wieder ab. Es wird aber eine Stunde dauern. Bodo ist einverstanden und wir fahren die dreieinhalb Meilen Richtung Sanddünen zurück. Es ist bereits 19 Uhr und immer noch kommen uns Läufer entgegen. Gut, dass ich mir die Entfernung auf dem Tacho gemerkt habe, so weiß ich genau, wie weit ich fahren muss. Einsam steht unser Holzstab mit meinem Tuch daran am Straßenrand im Teufels Kornfeld. Ich wende um, lasse Sigrid aussteigen; das Rennen beginnt von neuem und den Stock nehme ich wieder mit und denke noch, hoffentlich brauchen wir den nicht wieder.

Wir erreichen wieder den Kontrollpunkt in Stovepipe Wells , diesmal lassen wir uns aber registrieren, (wir sind wieder im Renngeschehen) und nehmen Bodo in Empfang. Beim Registrieren denke ich mir noch: jetzt werden alle Laufinteressierten in Deutschland es bald im Internet lesen dass „WIR“ noch im Rennen sind, wo doch manche schon gehofft haben, dass sie es nicht schafft. Den Gefallen tun wir Ihnen nicht, das ist sicher.

 

 

 

Der zweite Streckenabschnitt oder die Auferstehung

 

Der lange Anstieg von 27 km beginnt von 0 Meter Meereshöhe hoch zum Townes Pass auf  über 1600 Meter. Sigrid fühlt sich wieder sehr gut und wir kommen gut voran. Als es dunkel wird hole ich die Leuchtwesten für die Nacht aus dem Auto und gebe Sigrid eine. Auch Bodo will eine Weste , da er sie  bis zum Gipfel laufend bzw. gehend begleiten will.  Ich fahre wie gewohnt immer ein Stück voraus, halte wieder an um Getränke und Essen zu verabreichen. Mit der Dunkelheit und zunehmender Höhe kehren auch normale Temperaturen so um die 30 Grad zurück, so dass ich nicht mehr mit Tüchern kühlen muss.

Vor uns sind die roten Rücklichter der Betreuungsfahrzeuge zu erkennen, die sich endlos den Pass hinaufschlängeln; hinter uns vereinzelt gelbe Lichter von den Stirnlampen und Fahrzeugen der hinter uns liegenden Läufer. Das ganze Bild wird noch umrahmt von einem gigantischen Sternenhimmel, an dem die Milchstrasse sich quer von Horizont zu Horizont wölbt; so nahe, zum Anfassen nah. Sobald meine zwei Läufer mich passiert haben, genieße ich noch für eine Minute das grandiose Schauspiel am Himmel, wozu sich das Konzert der Grillen und Insekten wie eine Symphonie der Natur anhört.

Doch schon geht es wieder ins Auto um nicht den Kontakt abreißen zu lassen. Sigrid geht mit Bodo gleichmäßig den Pass hinauf, sie beschließen aber am Parkplatz beim „Wild Rose turn off“ uns eine halbe Stunde Schlafpause zu gönnen. Dort stehen bereits mehrere Läuferfahrzeuge, die wir an den Namensaufklebern erkennen. Sigrid soll auf dem umgelegten Beifahrersitz schlafen; dazu muss ich meinen Koffer hinter dem Sitz ins Freie stellen.  Diesen Vorgang werden wir öfters während der nächsten Tage wiederholen. Bodo schläft im Freien auf dem Boden, wie in den nächsten zwei Tagen. Ich habe auch meinen Fahrersitz zurückgeklappt. So liegen wir im Auto aber schlafen kann ich nicht. Die halbe Stunde geht schnell vorbei, ich wecke die Läuferin und Bodo, Koffer rein Sitz wieder vor und schon geht es wieder auf die Asphaltstrasse in die klare und sehr warme Nacht hinein.

Da im Death Valley und in der Umgebung kein Radioempfang möglich ist, leisten mir meine mitgebrachten CD´s gute Dienste und bei „Hotel California“ und anderen Songs von „The Eagles“ fahre ich in den nächsten Tag hinein.

Es muss schon weit nach Mitternacht sein; Sigrid verlangt nach einer kurzen Ruhepause. Der gleiche Vorgang mit Sitz und Koffer, Bodo legt sich vor unser Auto.  10 Meter vor uns auch ein Läuferauto.

Wir gönnen uns 15 Minuten, die ich auch nicht schlafen kann, (wenn ich gewusst hätte dass ich erst wieder nach 36 Stunden zum Schlafen komme, unvorstellbar) und gehen wieder ins Freie. Der Fahrer des Wagens vor uns kommt zu mir und erklärt sein Auto springt nicht an. Sein Läufer ist bereits schon losgelaufen. Wir beratschlagen was tun ist und beschließen das Auto rückwärts rollen zu lassen und dabei zu wenden um bergab in Fahrtrichtung den Motor zu starten. Vom Rollgeräusch wird auch Bodo wach, steht auf und läuft in Richtung des Fahrzeugs, dass gerade bergab wendet. Ich rufe: „Bodo, auf die Seite“ , doch er reagiert nicht. Ich schreie ihn an, immer noch keine Reaktion, ich renne auf ihn zu und zerre ihn auf die Seite, im letzten Moment bevor das Auto ihn erfasst hat.  So ist „BODO“.

Kurzum, das Fahrzeug bekommen sie nicht zum Laufen und bitten mich, ihrem Läufer Bescheid zu geben, dass sie eine Panne haben und er auf sie warten soll.

Das machen wir doch gerne und nehmen die letzten Meilen zu Gipfel in Angriff. Kurz davor treffen wir auf den Läufer ohne Team und ich biete ihm meine Betreuung an, damit er weiterlaufen kann und keine Zeit verliert. Dankend nimmt er an und so versorge ich zwei Läufer mit Getränken, Essen und moralischer Unterstützung.

Gemeinsam mit noch einem deutschen Läufer , es ist tatsächlich Dr. Klaus Micka, erreichen wir den Gipfel; die Morgendämmerung ist schon seit einiger Zeit angebrochen und uns eröffnet sich eine ganz andere Landschaft. Der Highway schlängelt sich steil bergab zwischen hoch aufragenden Felswänden. Bodo liegt neben mir im Auto und schläft seit er den Gipfel erklommen hat. Er hat sich total verausgabt, ist ununterbrochen bergauf gegangen, eine enorme Leistung für seine 70 Lenze. Sigrid und mein zweiter Läufer kommen bergab gut voran und schon sieht man die lange Gerade unten im Tal nach Panamint Springs. Aber bis dahin sind es noch 6 Meilen. Mittlerweile ist das Betreuerteam von meinem Adoptivläufer wieder zu ihm gestoßen.  Sie bedanken sich alle bei mir und schon läuft jeder wieder sein eigenes Tempo. Die Dichte der Läufer und Fahrzeuge nimmt jetzt zu. Viele haben doch in der Nacht mehrere Stunden geschlafen. Die Morgensonne hat uns auch erreicht und ich muss Sigrid wieder mit kalten Tüchern kühlen. Wir kommen gut voran und sind schon unten in der Ebene angelangt wo die Sonne wieder gnadenlos zuschlägt. Doch die letzten vier Kilometer bis Panamint Springs, eine Strasse, wie mit einem Lineal gezogen, und völlig eben, scheint für die Läufer endlos zu sein. Dies drückt auf die Moral von Sigrid. Ihr Spruch: „ich laufe und laufe und komme nicht an“ ist bezeichnend für diese endlosen Geraden. Kurz vor der dritten „Time Station“ fahre ich vor um Bodo in Panamint Springs abzusetzen. Er soll die Zeit nutzen um die Räumlichkeiten und Duschmöglichkeiten für die Läufer auszukundschaften, die von Chris Kostman für die Läufer zur Verfügung gestellt wurden.

Dabei entdecke ich auf dem Parkplatz ein Auto mit der Aufschrift „Bernhard Sesterheim“. Sie sind uns noch nicht enteilt, denke ich mir und rase zu Sigi zurück, um sie in der Hitze nicht so lange alleine zu lassen.

 

 

Irgendwann endet auch mal die längste Gerade. Sigrid kann sich um 10 Uhr  an der dritten Zeitmessung eintragen lassen. Erschöpft nehmen wir im Restaurant auf der Veranda Platz, wo wir auch schon von Bernhard und seinem Team herzlich empfangen werden. Während wir das Frühstück bestellen, will das Team Sesterheim schon wieder aufbrechen. Das Frühstück, bestehend aus Eiern und speziell zubereiteten Kartoffeln, will Sigi nicht so recht schmecken aber ich beschwöre sie unbedingt was zu sich zu nehmen. Inzwischen hat sich auch die Reporterin vom „Pre-Race“ eingefunden und will ein Interview mit ihr, dass sie bereitwillig gibt, schon der Abwechslung wegen. Bodo zeigt mir währenddessen voller Stolz den Raum, wo wir uns etwas erholen und duschen können.

Nach dem Interview und dem Frühstück verordne ich Sigrid und mir eine Dusche und eine halbe Stunde Ruhepause, die wir gemeinsam mit anderen Läufern in zwei Motelzimmern, teilweise auf dem Boden oder im Sessel, schlafend verbringen. Ich döse nur vor mich hin, ohne zu schlafen und entwickle schon im Kopf unsere weitere Strategie und den Zeitplan. Es könnte knapp werden, die Hälfte der Zeit haben wir hinter uns aber doch schon mehr als die Hälfte der Strecke. DAS MUSS REICHEN. Ich wecke meine Läuferin, suche Bodo, mache den Van startklar und los geht's. Es läuft wieder hervorragend, außer der Tatsache, dass unser Eisvorrat zu Ende geht und wir in Panamint Springs nur noch einen Eisbeutel ergattern konnten; aber auch nur weil Günter Böhnke, der Betreuer von Bernhard, uns einen hat zurücklegen lassen.

 

 

                               Der dritte Streckenabschnitt oder der lange Marsch

 

Vor uns liegt der ganze Tag, eine Strecke von 28,5 km bis zur vierten Kontrollstation und über 1000 Höhenmeter. Doch die Moral ist sehr gut und die Landschaft trägt dazu viel bei. Durch schroffe schwarze Felsen verläuft in Serpentinen die Strasse immer nach oben. Wir wissen nicht wie es hinter der nächsten Kurve aussieht. Außerdem sind wir jetzt zusammen mit vielen anderen Teams, die uns immer wieder anfeuern. Doch die Hitze ist brutal. Sigrid ist zwar vom eisernen Willen besessen, den Gipfel so schnell wie möglich zu erreichen, aber nachmittags um 14 Uhr sind ihre Kräfte abermals zu Ende; sie will sich mitten am Tag ins Auto legen um zu schlafen. Trotz Kühlung mit Tüchern aus der Eisbox geht nichts mehr. Was bleibt mir anderes übrig, Koffer raus, Sitz umlegen und Pause. Ich will sie ruhen lassen so lange sie schläft, rechne mit einer Stunde, aber ich kannte Sigrid nicht. Nach 10 Minuten klettert sie wieder aus dem Auto in die Nachmittagshitze und läuft mit einem Drang nach oben, als ob sie von einem Gummiband gezogen würde.

Ab und zu hole ich unseren Klappstuhl heraus und kühle ihren Körper mit dem kalten Leinentuch herunter, was ihr sichtlich gut tut.  Eine Fotografin von der Website des Veranstalters kommt vorbei und macht einige Fotos, die später im Internet zu sehen sind. Auch der medizinische Dienst  fährt des Öfteren vorbei um sich nach dem Wohlergehen der ältesten Dame im Teilnehmerfeld zu erkundigen.

Es geht ihr gut, entgegne ich dem Arzt, aber wir benötigen dringend Eis. Kein Problem, per Funk fordert er den Ice-Truck an und nach einer Dreiviertelstunde sind wir wieder gut versorgt.

Wir erreichen „Father´s Crowley´s , einen Aussichtpunkt, von dem wir bis hinüber zum Townes Pass sehen können, wo wir in der Frühe hinuntergelaufen waren. Unvorstellbar, was wir inzwischen schon wieder zurückgelegt haben. Das Race Magazine sagt mir 4000 Fuß und 80,2 Meilen. Unter uns geht es in eine tiefe Schlucht. Die Stille zerreißt ein ohrenbetäubender Lärm. Zwei US Kampfjets rasen wenige Meter über unsere Köpfe hinweg in die Schlucht und kommen am anderen Ende wieder hervor. Es ist ein Trainingsgebiet der US Air Force. Die Jets  begleiten uns immer wieder mit ihren waghalsigen Manövern, es macht ihnen Spaß uns zu erschrecken. Jetzt, da wir nicht mehr alleine laufen, sondern ständig in einer Gruppe von Mitläufern sind, kommt auch so etwas wie Gruppengefühl auf. Wir sitzen alle in einem Boot; so lerne ich interessante Läufer und Betreuer kennen. Ein schwergewichtiger amerikanischer Supporter hat eine überdimensionale Sprühflasche dabei, mit der er auch Sigrid und den anderen Läufern eine willkommene Abkühlung verschafft.

 

Es ist schon wieder Nachmittag geworden, aber der vierte Messpunkt ist immer noch nicht in Sicht. Jeder, den ich frage, sagt mir: noch bis drei Meilen, aber er kommt und kommt nicht. Auch ich bin moralisch angeschlagen. Wir jetzt auf einer Höhe von 5000 Fuß und die Sonne brennt erbarmungslos in dieser Einöde , aber weit und breit kein Kontrollpunkt.  Um mir Abwechslung zu verschaffen muss ich mir was einfallen lassen. Da ich schon die ganze Zeit im Sinn habe, mit Sigrid ein Stück zu laufen, ich aber der einzige Fahrer bin, frage ich ein Supporterteam, das mit ihrem Läufer die ganze Zeit unser Tempo läuft. „Kann einer von euch meinen Wagen für eine Stunde fahren, damit ich meine Läuferin ein Stück begleiten kann“? Ein Betreuer ist sofort damit einverstanden und während ich mir meine Laufschuhe anziehe, schwingt er sich zu Bodo ins Auto. Sigrid und mir tut es gut; ich kann mich endlich etwas bewegen und für sie ist es eine willkommene Abwechslung. In der Stunde haben wir eine angenehme Unterhaltung und bemerken gar nicht dass wir schon in Reichweite des Fahrzeugs von Christine Sell kommen, die uns eigentlich um Stunden voraus sein müsste. Endlich, nach einer uns unglaublich lang vorkommenden Strecke erreichen wir den lang ersehnten Kontrollpunkt „Darwin turnoff“, an dessen Existenz ich schon ernsthaft gezweifelt habe.  Sigrid setzt sich in den vorhandenen Liegestuhl und entledigt sich ihrer Laufschuhe. Ihr Vorderfuss ist eine einzige Blase. Ich schaue mir die Durchgangszeiten der anderen Läufer an, besonders die von Bernhard. Er hat den Punkt vor einer Stunde passiert.

Die zwei Männer am Kontrollpunkt reichen uns frische Wassermelonen; welch ein Genuss. Doch Sigrid´s Füße bereiteten mir Sorgen; sie sehen nicht gut aus und zum Tapen haben wir auch nichts mehr. Doch kommen in solchen Situationen unverhofft Engel in Form einer Physiotherapeutin, die dem Team angehört, welches uns schon stundenlang begleitet hat. Sie verbindet meiner Läuferin die Füße so fachmännisch, dass sie ihre Blasen nicht mehr spürt, als sie ihre Schuhe wieder anzieht. Wir stärken uns noch an den Melonenstücken und anderen Köstlichkeiten die wir untereinander austauschen. Dazu bekommen wir noch vom  amerikanischen Team eine Tube Marmelade geschenkt, die sich Sigrid für das Frühstück immer so sehnlichst gewünscht hat.

 

 

                              Der vierte Streckenabschnitt oder die Pacemakerin

 

Mittlerweile ist es schon 18 Uhr und es ist Zeit das Rennen wieder aufzunehmen. Vor uns liegen 51,5 km bis zur nächsten Zeitmessung  in Lone Pine und  500 Höhenmeter bergab. Von Beginn an geht es relativ steil bergab, aber das liegt meiner Läuferin und sie legt ein Tempo im Laufschritt hin, das ich im bisherigen Lauf noch nicht bei ihr gesehen habe. Auch die fahrende Reporterin kommt wie aus dem Nichts mit ihrem Auto herangefahren um Fotos zu machen. Sie legt sich auf die Straße um Bilder in allen erdenklichen Positionen zu bekommen.  Aber Sigrid lässt sich nicht aufhalten und wir überholen in der Abenddämmerung einen Läufer nach dem anderen. Die Nacht bricht herein; Sigrid hat ihre Warnweste angezogen und die Stirnlampe leuchtet einsam auf der dunklen Strasse.     

Es ist finstere Nacht, nur die Scheinwerfer ganz im Tal unten lassen uns den Streckenverlauf erahnen. Für mich sind die Nächte nicht nur wegen der Temperatur angenehm, sondern auch wegen der Arbeitsersparnis. Das Kühlen der Tücher fällt weg, was eine echte Erleichterung ist. Allerdings steige ich nach wie vor noch alle zwei Minuten aus dem Auto, dann Heckklappe hoch und mit der Verpflegung zu Sigi. Oder ich steige nur aus und laufe ein Stück neben ihr her um sie bei Laune zu halten. So geht das bis kurz nach Mitternacht. Plötzlich sehe ich im Seitenspiegel das Licht ihrer Stirnlampe  nicht mehr. Ich steige aus und renne über die Straße. Sigrid taucht aus der Böschung auf und sagt: ich brauche jetzt unbedingt ein wenig Schlaf , ich bin gerade eingeschlafen und von der Straße abgekommen.

Ich parke auf dem Seitenstreifen, stelle meinen Koffer in die Prärie und Bodo legt sich wieder in den Wüstenstaub. Nur eine halbe Stunde sagt Sigrid und schläft schon neben mir ein. Ich beschließe sie eine dreiviertel Stunde ruhen zu lassen; bei ihrem Tempo liegen wir sehr gut im Soll. Ich döse nur so vor mich hin, geschlafen habe ich das letzte Mal vor 43 Stunden; es sollten noch 10 Stunden ohne Schlaf hinzukommen. Ich mache die Augen auf und schaue auf die Uhr. Genau 45 Minuten vorüber. Ich habe eine innere Uhr entwickelt, die mich genau nach der vorgenommenen Auszeit wach werden lässt.  Sigrid steigt noch schläfrig aus und setzt sich in Trab. 

Auf der Strecke sehe ich immer die gleichen Fahrzeuge mit den Aufschriften der Läufer. Aber diese bekomme ich nie zu Gesicht. Nur hinter uns sieht man den kleinen Lichtpunkt ihrer Lampen und vor uns die roten Rücklichter der Van's. Wir laufen, bzw. fahren so durch die Nacht, ohne an irgendeiner Ortschaft oder sonst was vorbeizukommen. Außer……. Ein paar Häuser sehe ich in der Nacht, nicht beleuchtet, mehr Holzbuden als Häuser, in denen sicher keiner mehr wohnt. Später erfahre ich es war Keeler, die als Stadt auf der Karte eingezeichnet ist. Sigrid ist schon wieder müde, ich fahre etwas vor um einen geeigneten Platz zu finden. Vor mir im Dunklen taucht eine kleine Parkbucht auf, in der schon ein Auto steht. Ich fahre langsam heran und meine Scheinwerfer leuchten in die offene Heckklappe des Wagens in der ein paar Füße in den Nachthimmel herausragen. Ich will gerade anhalten, da lese ich im Licht meiner Scheinwerfer die Aufschrift auf der Seitentür in weißen Buchstaben: „Bernhard Sesterheim“.

Ich lenke sofort wieder aus der Bucht und warte bis Sigrid wieder zu meinem Auto heran gelaufen ist. Was ist los, haucht sie. Du läufst weiter, bestimme ich, denn im Wagen an der Straßenseite schläft Bernhard. Das musste ich Ihr nicht zweimal sagen, das war es was sie gebraucht hatte und es wirkte wie Doping. Sie läuft wie neugeboren, um sich so weit wie möglich von Bernhard und seiner Crew abzusetzen. Doch nach einer Stunde kommt die Müdigkeit zurück und wir gönnen uns 20 Minuten Ruhe.

Es mögen so 10 Minuten vergangen sein, da höre ich Stimmen an unserem Auto. Es unterhalten sich vorbeilaufende Teilnehmer in deutscher Sprache. Auch Sigrid hört sie. Wie von einer Tarantel gestochen springt sie auf und sagt da muss ich hinterher. In der Dunkelheit ruft sie den Läufern nach: „Nehmt mich mit“. Sie nahmen sie dankbar mit. Es ist Rainer Lösch mit seinem Begleiter. Und so läuft das Dreigespann sich fröhlich unterhaltend, in den Morgen hinein. Es wird schon etwas heller und die Lichter von Lone Pine, die wir schon lange im Dunkeln sehen, bekommen Konturen, aber es dauert trotzdem eine Ewigkeit bis  wir die Stadtgrenze erreichen. Es ist zum ersten Mal seit dem Lauf so kühl, dass wir unsere Jacken brauchen. Sigrid wähnt sich schon am letzen Kontrollpunkt, aber die endlose Strasse biegt nach rechts ab in die Main Street, wo es noch weitere zwei Meilen bis zur Kontrolle sind. Endlich können wir uns früh um 5:49 Uhr eintragen lassen. An der Station gibt es auch ein Coffee Shop und nebenan liegt unser Motel für die kommende Nacht. Sigrid und der wieder aufgewachte Bodo (hatte er doch ab Mitternacht auf dem Beifahrersitz seelenruhig geschlafen) bestellen sich ein Frühstück, während ich ins Hotel zum Einchecken für die kommende Nacht gehe.  Als ich wiederkomme, hat sich Sigrid ihrer Schuhe entledigt und unterhält sich mit einem Mann am Nachbartisch. Der ist so begeistert von ihrer Leistung, dass er uns alle zum Frühstück einlädt. Sigrid geht die Zubereitung des  Frühstücks nicht schnell genug und sie faucht das Personal an, „ we are in the race, we cannot wait". Diese bellen zurück: „ es ist nicht erlaubt, sich ohne Schuhe im Lokal aufzuhalten. Schließlich bekommen wir doch unser Essen und den wohlverdienten Kaffee, so dass Sigrid trotz extremer Müdigkeit und von der Nacht gezeichnet, sich wieder auf dem Weg macht.

Lone Pine ist eine richtige Westernstadt. Ich fühle mich in den wilden Westen zurückversetzt. Kein Wunder, sind doch an diesen Ort und in den Bergen, die noch vor uns liegen, die bekanntesten Western und Westernserien gedreht worden, wie z.B. Bonanza und zahlreiche John Wayne Filme. Nur statt der Reiter und Pferdekutschen fahren jetzt PKW und Truck´s auf der Main Street entlang.

Nach unserem Motel geht es an der Ampel links weg, dann unter eine Brücke hindurch und schon liegen das Ziel bzw. die Berge vor uns. Allerdings sind es immerhin noch 14 Meilen (22 Kilometer) bei einem Höhenunterschied von über 1500 Metern, der größte Brocken, nach drei Tagen. Wir treffen wieder auf  Rainer Lösch, den wir eigentlich fast schon im Ziel glaubten. Aber er kämpft auch mit der Steigung. Bodo steigt plötzlich aus dem Auto und beschließt alleine den Berg hoch zu laufen. Er sieht es als Triumph an, als erster von uns oben zu sein. Ich bin froh ihn los zu haben. Sigrid kämpft sich die Rampe zum eigentlichen Berg hoch und jammert dass sie nicht voran kommt. Sie denkt, es geht bergab. Schau mal hinter dich, sage ich, dann siehst du wie steil es nach oben geht. Sie schaut sich um sieht den Anstieg, kann sich aber trotzdem nicht motivieren, da sie gut einsehen kann was noch vor ihr liegt.

An den steil hochragenden Mt. Whitney schlängelt sich ein alpiner Weg unaufhörlich nach oben. Dann verschwindet er zwischen zwei Bergen. Sie erahnt aber, dass dazwischen noch lange nicht das Ziel ist.

 

 

                                          Der Sieg oder der doppelte Zieleinlauf

 

Ich gäbe jetzt viel darum mit ihr hoch laufen zu können aber ich muss natürlich mit dem Van auch nach oben. Aber wie so oft, wenn es deprimierend zu sein scheint, kommt irgendwo ein Lichtlein in Form von Karlheinz Kobus daher. Ja, wir sind tatsächlich an Karlheinz heran gelaufen, der schwer mit sich und  besonders mit seinen Füßen zu kämpfen hat. Seine zwei Betreuer sind bei ihm, können ihm aber auch nicht helfen. Da kommt mir die rettende Idee. Es kann doch einer von beiden mein Auto zum Ziel beim Mt. Whitney Portal fahren, der andere mit ihrem Auto nachkommen und dann beide wieder zurück nach unten fahren. Ich unterbreite ihnen meine Idee und sie sind sofort einverstanden, da sie Karlheinz im Moment doch nicht helfen können. Ich bewaffne mich mit 2 Flaschen Getränk und schon brausen sie den Berg hinauf. Sigrid ist sehr erleichtert, als sie die Aktion mitbekommt. Sie hätte es alleine nicht den Berg hoch geschafft, meint sie, was ich ihr aber nicht abkaufe. Zu zweit zieht es uns nun wie ein Magnet den Berg hinauf, vorbei an dem Schild, das vor Bären warnt, steil hinauf bis zum Fuße des eigentlichen Berges. Ich gebe Sigrid abwechselnd einen Schluck Cola und Wasser. Dazwischen kühle ich ihren Kopf mit Wasser und unterhalte sie, damit sie abgelenkt wird. Sie lehnt zwar öfters das Trinken ab, doch wie eine Maschine kommt nach einer Minute meine Hand mit der Getränkeflasche zu ihr und sie greift mechanisch dann doch nach ihr. Ich habe mir vorgenommen nichts zu trinken, aus Angst es könnte für Sigrid nicht reichen und das wäre fatal.

Mittlerweile stehen an der Strecke schon einige Zuschauer, teils Teams die wieder vom Berg herunter kommen, teils Leute, die noch auf ihren Läufer warten. Alle feuern uns frenetisch an. Wir haben schon wahnsinnig an Höhe gewonnen und die Aussicht ist grandios. Nur Sigrid hat kein Auge dafür. Die Morgensonne brennt jetzt gnadenlos auf uns herab. Doch wir erreichen schon die Rechtskurve und verschwinden zwischen den beiden Berghängen, welche vom Tal aus nicht einsehbar sind. Du, dort erscheint wie eine Fata Morgana:  BODO  Anscheinend hat er ein schlechtes Gewissen bekommen und will nun mit uns gemeinsam ankommen, was er aber nicht sagt.  Das Aufeinandertreffen findet wortlos statt. Ich denke mir, wir haben das Rennen gemeinsam begonnen, also beenden wir es gemeinsam, trotz der Differenzen. Sigrid fragt mich, wie weit es denn noch sei. Ich schätze drei Kilometer. Was, noch so weit, seufzt sie.

 

Inzwischen erreichen wir schon die Riesenbäume, Kiefern mit braunroten Stämmen, mit fast einem Meter Stammdurchmesser. Am gegenüberliegenden Felsen sind Blockhäuser erkennbar, ein richtiges Urlaubsparadies in der Wildnis.

An einer Biegung überholt uns ein Cabriolet, ein hagerer Mann springt heraus und ruft Sigrid in deutscher Sprache aber in amerikanischen Akzent zu: „Du bist schon da? Du bist ja fast am Ziel, noch einen Kilometer, aber mit dir habe ich überhaupt noch nicht gerechnet. Das muss ich Chris Kostman erzählen.“ Er schießt noch ein paar Bilder und braust zum Ziel davon. Es war Jürgen Ankenbrand, ein Deutscher, der schon seit fast 40 Jahren in Los Angeles wohnt und Fotoreportagen für Laufveranstaltungen macht. Er fotografierte uns schon am Start.

Das Ziel in greifbarer Nähe lässt Sigrid noch mal erstarken und sie stürmt förmlich dem Ziel entgegen. Wir erreichen den Parkplatz unmittelbar am Ziel und ich sehe unser Auto dort stehen. Ich schließe es auf und hole unsere Badwater T-Shirts heraus, die wir uns überstreifen. Unglaublich, wir erreichen das Ziel…… doch mit uns hat keiner gerechnet, wir durchlaufen die Ziellinie aber kein Zielband ist da. Die Jungs um Chris Kostman haben geschlafen. Bis sie mit dem Band ankamen, waren wir schon durch. Chris sagt zu seinen Jungs: „We will do it again“ und so laufen wir ein paar Schritte zurück und durchlaufen jubelnd und glücklich zum zweiten Mal das Ziel in der für Sigrid sagenhaften Zeit von 52 Stunden und 45 Minuten. Die obligatorischen Siegerfotos werden gemacht und Sigrid setzt sich erschöpft und überglücklich auf einen Stuhl, um gleich den Reportern Rede und Antwort zu stehen.

Nach etwas Ruhepause und ein paar Erinnerungsfotos mit Medaille warten wir noch auf die anderen deutschen Läufer. Karlheinz Kobus erreicht als nächstes schwer gekennzeichnet das Ziel, dann folgt Rainer Lösch, dem wir über eine Stunde !!! bergauf abgenommen haben, und zu guter letzt Bernhard Sesterheim mit seiner Crew. Alle sind wir froh, dieses Abenteuer gut überstanden zu haben und Chris Kostman macht noch ein Foto von uns deutschen Teilnehmern.

Glücklich und zufrieden fahren wir alle nach Lone Pine, um uns im Hotel zu duschen und ein wenig zu schlafen. Allerdings sind nur zwei Stunden drin, da um 18 Uhr die After-Race Party steigt. Doch habe ich in den zwei Stunden nie so fest und tief  geschlafen. Ich brauchte auch keine zwei Sekunden zum Einschlafen.

Auf der Party findet die Siegerehrung  statt. Jeder Läufer wird namentlich genannt und muss nach vorne kommen. Was ich bemerkenswert finde: Der junge und sympathische Sieger Scott Jurek beglückwünscht jeden Läufer persönlich mit einem Handschlag. Nach Pizza und Getränken treffen sich so ziemlich alle deutschen Teilnehmer mit Betreuern in einer Kneipe, einen Westernsaloon ähnlich und wir feiern bei kühlen Bier bis weit nach Mitternacht. Am nächsten Morgen fahren wir und das Team von Bernhard zum Frühstück auf das Whitney Portal um die berühmten riesigen Pancakes zu genießen. Dann geht es die ganze gelaufene Route rückwärts mit dem Auto nach Las Vegas. Die einzelnen Streckenabschnitte rufen in uns noch mal einige Erinnerungen ab , war es doch ein einmaliges Erlebnis, oder gar ein Abenteuer?

Hier bin ich nun am Ende meines leider zu lange geratenen Berichts. Danke dem ein oder anderen Leser der es bis hierher ausgehalten hat. Ich weiß aber auch nicht, was ich hätte weglassen sollen.

Die paar Tage anschließend in Las Vegas sind sehr erholsam, wenngleich wir auch wieder in eine ganz andere und glitzernde Welt eintauchen, ein totaler Kontrast zu Stille der Wüste.

Für mich persönlich hat die Bertreuung im Hinblick auf den Lauf, an dem ich nächstes Jahr teilnehmen will, sehr viel gebracht. Ich fühle mich der Herausforderung nun eher gewachsen als vor dem Lauf. Danken möchte ich Sigrid Eichner, die mir das ermöglicht hat und an die ich immer geglaubt habe, dann natürlich Günter Böhnke, für die hervorragende Organisation und Bernhard für seine Sprüche und Einlagen. Mit Fremden bin ich losgezogen, mit Freunden bin ich heimgekehrt.

So long,

Badwater, you see me next year, running and fighting on your roads, and winning at Mt. Whitney Portal.