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Death Valley – Welcome
Ein Bericht von Günter Böhnke, Juli 2004, © Günter Böhnke
Originalbericht:
http://www.passtschon98.de/erlebtes/badwater.htm
Badwater Ultra 2004
Du Trockenlippiger, sei stets auf der Suche nach Wasser!
Die trockene Lippe ist ein sicheres Zeichen
Dass sie am Ende die Quelle finden wird.
Diese Suche ist eine gesegnete Unrast
Sie überwindet jedes Hindernis
Ist der Schlüssel zu dem, was du begehrst.
Wenn du auch kein Gefäß hast, höre nicht auf zu suchen …
(Rumi)
Schritt, Schritt, Schritt, nur nicht stehen bleiben. Atmen, ein-, ausatmen,
ausgedörrte Luft durchströmt den Körper. Das Ziel in weiter Ferne, den Kopf
möglichst leer, den Geist ruhen lassen, je leerer desto besser, weniger Ballast,
keine dem Vorankommen abträgliche Gedanken. Schritt, Schritt, Schritt, in
Bewegung bleiben.
Über 50°C im Tal des Todes, Death Valley, mit gemessenen 56,7°C neben der
libyschen Wüste der heißeste Ort weltweit. Steinwüste, ausgedörrte Salzseen,
Sanddünen und vor und unter den Läufern bis zu über 70°C heißer Asphalt. Drei
Anstiege, von Badwater, mit -86 m der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre,
auf über 1.500 m zum Townes Pass hinauf, dann hinab, wieder hinauf und als
Finale noch ein knapp 20 km langer Aufstieg zum Mount Whitney Portal hinauf auf
fast 2.600 m. Gesamtlänge der Strecke 216 km, für die die Läufer nicht länger
als 60 Stunden brauchen dürfen.
Bereits 3 Wochen vor dem Lauf reisen Ingrid, meine Frau, und ich an, leben im
Wohnmobil, rühren die Klimaanlage nicht an. Langsam wollen wir uns an die Hitze
gewöhnen, mit ihr vertraut werden, sie lieben lernen, ist sie doch eine
hervorstechende Eigenschaft des Badwater Ultras, der immer dann stattfindet,
wenn es im Death Valley am heißesten ist. Zudem möchte ich mit Landschaft und
Strecke vertraut werden, Teile von ihr als abschließendes Training absolvieren,
Erfahrungen vor Ort sammeln. Bis zum Start kann ich die gesamte Strecke mit
geschlossenen Augen visualisieren, habe sie in Teilabschnitte zerlegt, bin sie
gedanklich bereits 100-mal gelaufen.
Dennoch, als wir nach 6 Tagen, die wir in den Panamint Ranges und im Panamint
Valley verbracht haben, in Stovepipe Wells aus dem Wohnmobil steigen, die
brennende Sonne auf unseren Körpern lastet, die Augen von den feurigen,
dörrenden Winden, dem Gluthauch des Schmelzofen zu brennen beginnen, wird mir
der Gedanke, hier laufen zu wollen, immer fremder, erscheint unwirklich. Alles
ist heiß. Du willst duschen, nimmst das Shampoo - heiß. Du willst in Deine
Plastiksandalen schlüpfen, die du dummerweise in der Sonne hast stehen lassen,
es verbrennt dir die Fußsohlen. Du stellst voller freudiger Erwartung die kalte
Dusche an - heiß.
Ca. 75 Läufer werden jedes Jahr beim Badwater Ultramarathon zugelassen. Es
handelt sich um ein reines Einladungsrennen, für das man sich auf Basis
vorgeschriebener Qualifikationsstandards zu bewerben hat, wobei auch bei
Erfüllung der Standards eine Einladung nicht garantiert wird. Jeder Läufer ist
für eigene Betreuer nebst Fahrzeug verantwortlich, 2 Betreuer Minimum sind
Pflicht, die im Wagen, manchmal mitlaufend, den Läufer während des gesamten
Laufes zu versorgen haben.
12. Juli, 6 Uhr, Montagmorgen an der Lache Badwater. Kein schlechtes Wasser,
keine giftige Pfütze. Nur Salwasser, erbarmungslos der Sonne ausgesetzt und
dennoch auch an diesen für uns so unwirtlichem Ort – Leben: Salzschilf,
Insekten, Gliederfüßler und eine spezielle, nur hier vorkommende Schneckenart.
Ein paar Meilen entfernt, im Salt Creek, der von Quellen gespeist wird, lebt der
Salt Creek Pupfish, der nirgendwo sonst existiert. Über Jahrtausende hat er sich
langsam angepasst als der große See, der einmal das Death Valley bedeckte,
allmählich austrocknete, zur Salzwüste sich wandelte, die zurückbleibenden
Tümpel immer salzhaltiger wurden.
Noch ist die Temperatur mit knapp 40°C erträglich, im Vergleich zum Glutofen des
herannahenden Tages. Aufstellen zum Gruppenphoto, Nationalhymne, dann starten
ca. 25 Läufer, hinein in eine grandiose Naturarena, unspektakulär, ohne Trara,
jubelnde Menge und VIPs. Um 8 und 10 Uhr folgen jeweils 2 weitere Gruppen, der
Verkehr wird so entzerrt, Gedrängel und Stau weitgehend vermieden. Insgesamt
sind 72 Teilnehmer am Start, darunter 7 Frauen.
Mit dem Startschuss beginnt eines der extremsten Rennen weltweit, eine
Gratwanderung in Grenzbereiche des menschlich Erträglichen hinein. Körper und
Geist, sofern von Vernunft getrieben, würden schon nach wenigen Stunden
aufgeben, gar nicht erst bei diesem Rennen antreten. Jedoch der Wille, der tief
verankerte Wunsch durch solch eine extreme Erfahrung hindurchzugehen, trägt den
Läufer Stunde um Stunde, Schritt für Schritt noch 2 Tage lang dem Ziel entgegen.
Allerdings beenden bis zu 45% der Läufer das Rennen vor dem Ziel. Dieses Jahr
ist die Quote der offiziellen Finisher mit 79 % erfreulich hoch, 2 Läufer
beenden das Rennen inoffiziell, das heißt nach Ablauf des Zeitlimits von 60
Stunden, 14 scheiden aus.
Die Luft scheint zu brennen, treibt die Körpertemperatur nach oben. Innere
Verbrennungswärme kommt hinzu, freigesetzt bei der Energiegewinnung, die den
Läufer in Bewegung hält. Der Verstand taucht ab. Unzurechnungsfähig.
Schritt, Schritt, Schritt, immer weiter, ausatmen, einatmen. Trinken, trinken,
trinken, mehrere Liter in der Stunde, mögen Kehle und Magen auch rebellieren.
Verzweifelt versucht der Körper einer Überhitzung zu entrinnen,
Verdunstungskälte durch Schweiß zu erzeugen, Schweiß, den die Hitze, noch
angefacht von starken thermischen Winden, sofort von der Haut saugt.
Die Sonne, die den Erdball uns erhellt –
Naht sie ein wenig, brennt die ganze Welt.
(Rumi)
Meine Betreuer, Bennie, mein Trainer und Gewinner des diesjährigen Swiss
Gigathlon (www-ad-extremum.de), seine Freundin Birgit und Ingrid, müssen jetzt
Schwerstarbeit verrichten, beginnen von außen zu kühlen, laufen mit, legen mir
ca. alle 7 Minuten ein nasses, eisgekühltes Handtuch über die Schulter, tränken
Mütze und Nackenschutz mit Eiswasser, reichen mir einen Waschlappen, gefüllt mit
Eis, den ich unter der Mütze auf dem Kopf trage. Sie hoffen, damit einen Anstieg
der Körpertemperatur zu vermeiden, hoffen, mir damit Schäden durch die Hitze wie
Krämpfe, Erschöpfung und Hitzschlag zu ersparen. Trinken, Schritt, kühlen,
trinken, Schritt, kühlen, nur nicht ans Aufgeben denken.
Dazu kommen noch als zusätzliche Belastung: Die Durchführung psychologische
Tests, die Reaktions- und Erinnerungsvermögen im Verlauf des Rennens messen, 6 x
venöse Blutabnahmen, Blutdruckmessungen, Urinproben, Messung der inneren
Körpertemperatur, wofür ich einen kleinen Sender geschluckt habe, der Magen und
Darm durchwandert, und eine Reihe andere Untersuchungen. Zusammen mit 9 anderen
Läufern bin ich Teil des wissenschaftlichen Projektes Runex123 unter der Leitung
von Dr. Holger Finkernagel, das u.a. Plasmaverschiebungen und psychologische
Verhaltensänderungen während einer Extrembelastung untersuchen möchte. Während
der Nacht werde ich die psychologischen Test verweigern, zu sehr bin ich mit mir
selbst beschäftigt, am nächsten Tag die Blutabnahme, als ich auf den langen
Geraden vor Lone Pine unter der erneuten Hitze leide, mein Magen rebelliert.
Am Nachmittag erreiche ich Stovepipe Wells, knapp 70 km liegen hinter mir. Eine
erste, kurze Pause, dann beginnt der lange Aufstieg zum Townes Pass, 27 km,
1.500 m Höhendifferenz. Bisher habe ich mich gut gefühlt, bin trotz meines 10+5
Rhythmus (10 Minuten laufen, 5 Minuten gehen), den ich von Anbeginn konsequent
eingehalten habe, recht flott unterwegs gewesen. Jedoch, ohne es zu spüren, die
Hitze, der Wind sie haben mich ausgelaugt, Energie genommen, die mir jetzt beim
Anstieg fehlt. Sieg und Niederlage bei diesem Rennen entscheiden sich weitgehend
auf diesen ersten 70 km, in der größten Hitze, wer nicht haushaltet mit seien
Kräften, sich verleiten lässt, zu schnell angeht, ohne es zu merken, er hat
bereits verloren. An Laufen ist nicht mehr zu denken, der Körper verweigert den
Dienst, zügiges Gehen muss reichen. Die Nacht bricht herein, müde bin ich nicht,
jedoch auf halber Höhe geht nichts mehr. Essen, 20 Minuten auf dem Boden liegend
Ruhe finden, wegdämmern. Meine Crew wacht über mich, ich vertraue ihr blind,
lasse mich fallen. Als Läufer bin ich nur ein Rädchen im Getriebe, chancenlos
ohne meine sich aufopfernde Crew.
Weiter, zum Townes Pass hoch, dann, ein falscher Bissen, mein Magen rebelliert,
entleert sich, ich fühle mich erleichtert. Maria, die ihren Mann Angel betreut,
bietet mir gekühlte Obststückchen an, Balsam diese Geste, willkommene
Abwechselung. Oben am Pass kurze Rast, dann geht es bergab, endlich, Laufen ist
wieder möglich. 20 km hinab ins Panamint Valley lassen die Oberschenkel
erzittern. Wieder ist der Körper ausgelaugt, bis zur dritten Zeitstation möchte
ich noch, ihre Lichter habe ich in der Dunkelheit vor Augen, wenige Kilometer
nur noch. Jedoch, es ist sinnlos, ich komme kaum voran, gehe mühsam. Bennie rät
zur sofortigen Pause, widerstandslos stimme ich zu. 45 Minuten Rast, essen, dann
auf die dünne Matte, nur ein Laken bedeckt mich, über mir Millionen von Sternen,
für die ich keine Augen habe. Spinnen, die tödliche schwarze Witwe, Skorpione,
Schlangen, sonstiges Getier, es berührt mich nicht, ich liege am Boden, Ruhe
suchend, um neue Kraft zu schöpfen.
Vor der Zeit stehe ich auf, weiter. Gedanken lassen sich nicht vermeiden, warum
nur tue ich mir dies an? Genuss am Laufen kann es nicht sein, den finde ich hier
nicht. Diese großartige Landschaft, sie kann ich unter anderen Umständen viel
besser in mich aufnehmen. Gedanken, nie mehr nehme ich an solch einem Lauf teil.
Gründe zum Aufgeben gibt es keine, bei aller Erschöpfung, es geht mir gut, die
paar Blasen an den Füßen, Marginalien. Meiner Crew fühle ich mich verpflichtet,
sie nennt mich "The Desert Fox", hat unseren Van damit beklebt, verziert mit so
sinnreichen Sprüchen wie: "Pain is temporary – glory forever!" und "A goal
without a pain – is a dream!!". Also weiter. Wieder ein Anstieg auf über 1.500 m
Höhe. Blicke zurück, eine Scheinwerferkette von Begleitfahrzeugen zieht den
Townes Pass hinab, durch das Panamint Valley, tröstlich schön, dort war ich vor
Stunden. Wieder rebelliert mein Magen, soll er seinen Willen haben, raus damit.
Ich trinke, muss Wasser lassen, immer wieder, mein Körper nimmt keine
Flüssigkeit mehr auf, der Salzverlust war zu groß, wurde nicht ausreichend
ausgeglichen.
Wieder bin ich bergauf zu einem Kriechtier geworden, ein Powernap von 15 Minuten
lässt mich erneut als Läufer erwachen. Endlich geht es bergab, über 50 km bis
nach Lone Pine, auf endlosen Geraden, die ich so liebe, die im Unendlichen zu
verschwinden scheinen. Zur Linken die Sierra Nevada, dort liegt das Ziel, glasig
im Dunst eines heißen Tages. Starke Winde, die Sand über die Straße blasen, den
Lauf, ich möchte ihn nun zu Ende bringen, eine zweite Nacht vermeiden. Wieder
laufe ich im 10+5 Rhythmus, wieder leistet meine Crew Schwerstarbeit, trinken,
Schritt, Kühlung, trinken, Schritt, Kühlung.
Fast im Ziel, ein letzter Anstieg von knapp 20 km auf 2.600 m Höhe, die Stimmung
hebt sich, den Zacken des Mount Whitney vor Augen, ein würdiges Ziel, und siehe
da, mein Kämpferherz erwacht, unter 40 Stunden sind noch möglich. Zügiges Gehen
bergauf, Ingrid gibt das Tempo vor, an ihrem Rücken saugen sich meine Augen
fest. Sie geht vor mir her, soweit sie kann, dann löst Bennie sie ab. Es ist
überstanden, geschafft. Aus der Trance eines langen Laufes, aus dem innersten
Sein erwacht der Läufer, neugeboren, Tränen vergießend. Dies war nicht ein Lauf
über 216 km in brüllender Hitze, Pässe hinauf, Nächte hindurch, es war eine
Reise durch innere Berge und Täler.
"Aufersteh’n, ja aufersteh’n,
wirst du, mein Staub,
nach kurzer Ruh".
(Gustav Mahler, 2. Symphonie)
Das Abenteuer Selbsterfahrung, völlige Hingabe, Verzweiflung und Vergessen beim
Lauf, das Glücksgefühl Anzukommen ist unbeschreiblich und auch nach Jahren noch
ein seltenes, kostbares Gut. Dabei nicht hoch genug einzuschätzen, eine
besondere Erfahrung bei diesem Lauf, mein Team, Bennie, Birgit und Ingrid waren
der Schlüssel zum Erfolg, ihnen gebührt mein Dank, meine Hochachtung.
Von links: Chris Kostmann, der Veranstalter, Birgit Dasch, The Desert Fox,
Ingrid Rücknagel-Böhnke, Bennie Lindberg
Beginnen nicht auch Sie zu spüren, wie etwas in Ihnen erwacht? Nein? Lehnen Sie
sich zurück, horchen Sie tief in sich hinein, es muß ja nicht gleich Badwater
sein.
"The ability to endure beyond percieved limits requires a desire to continue.
But now, rather than an act of will, such excursions are an act of faith." (Jay
Birmingham, The Longest Hill, Death Valley To Mount Whitney, 1983).
© Günter Böhnke, Juli 2004
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