Ein Bericht von
Bernhard Sesterheim, 09. Dezenber 2004
Vorwort
Dieses Extremrennen ist wahrlich "der Kracher" unter den Hardcoreläufen
dieser Welt, denn es findet seit 1978 jedes Jahr am heißesten Platz an den
heißesten Tagen des Jahres im sogenannten Hitzeofen Kaliforniens statt; im
Death Valley, dem Tal des Todes.
Gestartet wird an einem Ort mit Namen Badwater, der ca. 80 m unter dem
Meeresniveau liegt und das Ziel befindet sich 217 km weiter am Mount Whitney
Portal in 2800 m Höhe. Gelaufen wird auf einer sehr gut ausgebauten
Teerstraße. Die Sollzeit beträgt 60 Stunden. Über viele Stunden ist es über
50° C heiß und das Thermometer sinkt nie unter 30° C. Unmittelbar über der
Teerdecke sind schon Temperaturen von über 90 ° C gemessen worden.
Dieses Jahr wird ein wissenschaftliches Experiment unter Leitung des
allbekannten Ultraläufers und selbstlosen Humanisten Dr. Holger Finkernagel
an 10 ausgesuchten Läufern durchgeführt, um zu ergründen, wie sich die
mörderische Hitze bei dieser extremen Distanz auf deren Körper und Geist
auswirkt. Alle 21 km wird den Sportlern Blut abgezapft, das von einem Boten
abgeholt und sofort nach Las Vegas zum Flughafen gebracht wird, mit dem
nächsten Flugzeug nach Deutschland kommt und dann in Heidelberg analysiert
wird. Ebenso nach jedem Halbmarathon wird der Läufer mit einem Fragebogen
traktiert, er muss Zahlenkolonnen vor- und rückwärts nachsprechen und Wörter
aufsagen, die stets mit dem gleichen Buchstaben beginnen und er Stunden
vorher innerhalb einer Minute sich einprägen musste. Diese Aufgabe habe
unter anderen ich zu erfüllen.
Das Rennen beginnt.
Gegen 05.00 Uhr treffen wir mit unserem Van am Startplatz ein. Es sind
neben mir der medizinische Supporter Karsten, Anfang 30, Krankenpfleger, und
der Läufer Alfred Hintzmann aus Hamburg, 70 Jahre, pensionierter
Feuerwehrmann. Er ist mir vom letztjährigen Marathon des Sables persönlich
bekannt und war im Nachbarzelt untergebracht. Im Moment ist die Temperatur
angenehm - nur 36 ° C, da die Sonne noch hinter den hohen Bergen verweilt.
Minuten vor 06.00 Uhr in der Frühe ertönt am tiefsten Punkt vom Tal des
Todes - Badwater - aus einem Ghettobluster die Amerikanische Nationalhymne.
Die Läufer und Begleiter erweisen ihre Referenz, indem sie ihr Haupt
entblößen und Haltung einnehmen. Danach fällt ein Pistolenschuss, der von
Chris Costman, dem Renndirektor abgefeuert wird und für die erste Gruppe,
ca. 30 Personen, die langsamste, in der sich alle Experimentierläufer
befinden, beginnt ihr großes Abenteuer. Ein Passionsweg, eine
Achterbahnfahrt der Gefühle, eine vielstundenlange Läuterung von Körper und
Seele, bedingt durch Höllentemperaturen und mörderischer Distanz, nimmt
ihren Anfang.
Alfred Gerauer spielt den Clown und beginnt das Rennen als Tiefstarter,
so wie bei einem
100 m-Lauf, und er erheischt großen Beifall, denn alle Begleiter lachen
lautstark. Das Läuferfeld zieht sich auseinander. Am Schluss befindet sich
ein Franzose, ungefähr in meinem Alter, gekleidet ganz in weiß in weitem
Hemd und langer weiter Hose und wie fast alle anderen mit weißer
Legionärskappe; aber die Figur will so gar nicht zum Typ eines Ultraläufers
passen, er ist wie die Bayern sagen "gut beinand" und könnte durchaus
beruflich etwas mit Gastronomie zu tun haben. Er ist bis jetzt der einzige,
der nicht joggt. Alfred Hintzmann, mein Betreuter ist zweitletzter und
entfernt sich langsam von ihm.
Wir im Auto lassen die Läufer einige Zeit vorauseilen, da wir die ersten
20 km nicht neben ihnen herfahren dürfen, denn jeder Athlet hat mindestens
ein Begleitfahrzeug. Manche haben sogar deren 5. Es würde sonst Probleme mit
der "Verkehrsdicht" geben, da das Läuferfeld doch zum Teil noch
zusammenhängend ist.
Nach ca. 10 Minuten fahren wir nach und sehen, dass sich mittlerweile
hinten eine 5er Gruppe gebildet hat. Es ist ein Kanadier in meinem
Lebensalter, der gut Deutsch mit holländischem Akzent spricht und 3
Begleitfahrzeuge hat. Mit dabei ist Jack Dennis, 69 Jahre, ein schrulliger,
pensionierter englischer Lehrer, der jetzt zum 10. Mal das Rennen macht.
Außerdem läuft noch ein Mitsechziger hinter Alfred. Der wohlbeleibte
Franzose hat aufgeholt und joggt jetzt auch.
Die Straße führt über viele Kilometer kerzengerade und ist fast flach,
nur unmerklich ansteigend am Rande einer "Salzpfanne" (= getrockneter und
aufgesprungener Lehmboden mit Salzkrusten) hindurch. Der Himmel ist
wolkenlos und noch ist das Koma angenehm; denn die Sonne verharrt noch
hinter den Bergen .....
Alfred wird das erste Mal versorgt, d.h., er bekommt frisches, kaltes
Trinkwasser und ein mit Eiswasser getränktes Handtuch von mir über die
Schulter gelegt. Alles ist jetzt völlig undramatisch und klappt reibungslos.
Mittlerweile kommen einige Anstiege, die grundsätzlich marschierenderweise
genommen werden.
Unser Experimentierläufer ist auch in weiß gekleidet: kurze Shorts,
kurzes Hemd, Legionärsmütze mit deutscher Landesfahne und Marathon des
Sables-Emblem. Leider müssen wir nach kurzer Zeit feststellen, dass besagte
Shorts am Hinterteil an einer ganz bestimmten Stelle stark gebräunt sind.
"Sollen wir es ihm sagen?" fragt Karsten. "Nicht jetzt schon, s’hat noch
Zeit. Es verdirbt ihm nur seine gute Laune" gebe ich zu verstehen. Es sind
schon einige Kilometer zurückgelegt und die Sonne geht auf.
Es wird heiß.
Innerhalb weniger Minuten ändert sich die Temperatur dramatisch. Es wird
heiß. Ca. alle 1,5 km bekommt jetzt unser Alfred kalte Tücher auf Kopf und
Nacken gelegt, um den Puls nach unten zu drücken.
Etliche Stunden sind wir schon im Rennen und Robert Wimmer, der Favorit,
der in der letzten Startergruppe 4 Stunden nach uns begonnen hat, läuft
freundlich grüßend mit der Leichtigkeit des Seins vorbei. "Du siehst Klasse
aus, Robert, aber läufst Du nicht viel zu schnell?" rufe ich ihm zu. Er
negiert und meint, es wäre sein Rhythmus, es ginge ihm sehr gut. Ich hoffe
und wünsche ihm, dass er Recht hat, denn ich habe ihn als sehr guten
Kameraden beim diesjährigen Isarlauf kennen gelernt.
Erst nach ca. 1 ½ Stunden überholt uns Pamela Reed, die Vorjahressiegerin
...
Der erste Psychotest ist fällig und Alfred, der Proband, hat keinerlei
Probleme damit, ebenso wenig mit der ersten Blutabnahme. Wir kommen in
Furnance Creek, der ersten Zeitmess-station an. Es ist eine Oase mit Hotels,
Restaurant, Campingplatz (= nur im Winter benutzbar), Tankstelle und
Supermarkt. Wir machen da Siesta und halten uns im airkonditionierten
Supermarkt mit Alfred für eine Weile auf. Ihm geht es passable.
Draußen pausiert im Schatten von Tamarisken der andere Alfred, der
Gerauer, auf einer Campingliege. Er faselt etwas von Sommerfrische und sieht
mit seinen 57 Jahren aus wie ein 87jähriger kurz vor einem Schlaganfall. Er
scheint sich total übernommen zu haben. Ich würde einen großen Betrag
wetten, dass er es nicht schafft ....
Eberhard Frixe und Uli Weber laufrn auf der Straße mit freudigem Hallo
grüßend leichtfüßig vorbei. Es sind diese beiden, die im "Running"
irgendwann im Jahre 2000, zu meinen Laufdebützeiten also, zusammen mit Joe
Kelly porträtiert wurden als Helden des Death Valley. Sie imponierten mir
sehr ... Zumal Eberhard und Uli mittlerweile den Badwater-Ultra doppelt
gelaufen sind, d.h. vom Ziel am Mount Whitney zum Start nach Badwater und
dann wieder zurück zum Mount Whitney non-stop. Heroes ....
Ich erinnere mich, dass ich Ende der Siebziger Jahre im "Spiegel" einen
Bericht über einen "Masochisten" las, der bei Höllentemperaturen über 200 km
am Stück durch das heißeste Gebiet der Erde, dem Death Valley, lief. Eine
Mischung von Hochachtung und Belustigung - ich hatte damals mit dem
Laufsport gar nichts im Sinn - war meine Reaktion. Die Hochachtung war
jedoch sicherlich erststellig und dominant. Es war Al Arnold, der Erfinder
und Gründer des Badwater Ultramarathons.
Und heute ist jeder der jedes Jahr startenden Teilnehmer ein Held oder
eine Heldin. Menschen mit der Persönlichkeitsstruktur, die in früheren
Zeiten den großen Entdeckern zugeschrieben wurde. Jeder Badwaterläufer macht
seine eigene Forschungs- und Entdeckungsreise, nämlich die in sein Inneres
Ich und kommt dabei auf allerlei wundersame Feststellungen. Beim Erreichen
der Ziellinie nach 217 km am Mount Whitney bleiben bei keinem die Augen
trocken, ein jeder erlebt den totalen Flash, einen Rauschzustand, ein
Hochgefühl, das mit keinem Geld der Welt zu kaufen ist.
Nach ca. ½ Stunde beenden wir die Pause und Hintzmann setzt seinen
Hitzemarsch fort. Als ich die Tür des Autos öffne, verbrenne ich mir am
Türgriff die Finger. Das Metall ist so aufgeheizt, dass man auf der
Motorhaube Steaks braten könnte. Das Läufersupporten ist jetzt Routine; alle
1 - 2 km aussteigen, Alfred Getränke und auch Powerfood reichen, kalte Kopf-
und Nackenwickel auflegen und vor allem dem Läufer Komplimente machen und
Mut zusprechen. Es funktioniert vorzüglich und Alfred ist den Umständen
entsprechend guter Dinge.
3,5 km später kommen wir an den1882 gegründeten Harmony Borax Works
vorbei, heute ein Museumsgelände, wo man 20spännige Maultierwagen aus der
damaligen Zeit bestaunen kann. Diese Gespanne bestanden aus zwei Wagen, die
von einem 20spännigen Maultiergespann, genaugenommen 18 Maultieren und 2
Pferden gezogen und von einem erfahrenen Lenker und seinem Assistenten oder
Swamper gelenkt wurden. Ein Swamper musste bei steilen Abfahrten die Bremsen
am hinteren Wagen bedienen sowie kochen und sich um die Tiere und Wagen
kümmern. Mit diesen Beförderungsmitteln wurde das hier gewonnene Borax in
die 350 km südwestlich gelegene Stadt Mojave gebracht. Die Boraxlieferungen
wurden zwischen Juni und September eingestellt, da weder die Tiere noch die
Menschen die extreme Sommerhitze des Death Valleys aushalten konnten ....
Nach etwa weitern 10 km hat Alfred den 1. Marathon geschafft. Ca. 20 %
des Weges sind zurückgelegt und wir liegen gut in der Zeit. Das Thermometer
zeigt auf über 50 ° C, alles läuft reibungslos und Hintzmann strotzt vor
Optimismus.
Doch plötzlich springt unser Wagen nicht mehr an. Alfred hat schon etwa
150 m Abstand gewonnen. Ich renne ihm nach, um ihn über die Panne zu
informieren. Ich laufe so etwa im 6er Schnitt, spätestens nach 50 m merke
ich, wie mir die heiße Luft die Bronchien verbrennt, mache sofort langsamer
und versuche, ihn durch Zurufen auf mich aufmerksam zu machen. Er hört mich
nicht, durch schnelleres Marschieren hole ich ihn schließlich ein. Daraufhin
bittet er den Fahrer eines Wagens vom deutschsprechenden Kanadiers um Hilfe,
die dieser natürlich sofort und gerne gewährt. Es kann aber nur ein
Provisorium sein, da jeder Läufer ein festgelegtes Betreuerteam mit Fahrzug
haben muss; so sind die Spielregeln.
Ohne Betreuerfahrzeug in dieser Wüste zu laufen, würde vergleichsweise
bedeuten, den Atlantik ohne Beiboot schwimmend zu durchqueren. Genauso wie
der Ozeanschwimmer ohne Sichtkontakt zum Boot verzweifeln würde, genau so
wäre der Badwater-Runner ohne Autobegleitung ganz schnell am Ende.
Wenige Minuten später kommt Karsten mit unserem Van angefahren. Der Motor
sprang dann doch wieder an. Gott sei Dank, es kann also wie geplant
weitergehen.
Viele Läufer von den nach uns gestarteten Gruppen überholen uns jetzt,
teilweise joggend, teilweise schneller marschierend als Hintzmann, darunter
ist Jody-Lynn Reicher mit 5 Begleitfahrzeugen, eine 41jährige sehr blonde
Amerikanerin, die um 10.00 Uhr gestartet war und als Veteran in der
Teilnehmerliste eingetragen ist.
Für Alfred wird es jetzt sehr anstrengend, kommen doch Hitzewinde auf,
die sich durch sogenannte Mini-Tornados sichtbar machen. Es sind Staubhosen
mit bis zu 30 m Höhe, unberechenbar und ständig ihre Richtung ändernd.
Öfters müssen jetzt Pausen eingelegt werden. Wir sind jetzt an einem Platz
angekommen, von wo man in der Ferne die 2. Zeitmessstation sehen kann,
Stovepipe Wells also. Bis dahin sind es aber noch ca. 30 km. Die Straße
führt wie mit dem Lineal gezogen durch die Wüste. Einige Kilometer bergab,
wo Hintzmann schneller vorankommt. Aber diese endlose Gerade ist schon
mental schwer zu verkraften, denn man kann kein Vorankommen registrieren.
Wir kommen an einer Stelle mit der vielsagenden Bezeichnung Devil’s
Cornfield vorbei und nähern uns dann über Stunden der großen Dünenlandschaft
rechts der Straße. Dort hatten wir einen Tag zuvor ein gewisses
Hitzetraining absolviert.
Es ist schon ein erhabener Anblick in diese prächtige Naturlandschaft:
die gelben, manchmal 20 - 30 m hohen Sanddünen mit Zwerg-Wirbelstürmen
darüber, im Hintergrund die kahlen Berge in den verschiedenen Farbnuancen
von braun über grau, schwarz, violett und rosa und der leicht gelblich
angehauchte blaue Himmel. Ob Alfred das auch noch so empfinden kann?
Wahrscheinlich hat er andere Wahrnehmungen, die mehr sein Interieur
betreffen, denn es wird immer heißer. Seltsam, wir haben späten Nachmittag
und die Temperaturen steigen noch immer.
Die physikalische Erklärung ist simpel. Es sind die heißen Fallwinde.
Denn über Mittag heizt sich die Luft durch die extreme Sonneneinstrahlung
gewaltig auf, steigt nach oben, und nachdem sie die das Tal umgebenden
Bergkämme erreicht hat, wird sie gezwungen wieder nach untern umzukehren. So
kommt es, dass es sogar nach Einbruch der Dunkelheit noch heißer als während
der Mittagszeit ist.
In Stovepipe Wells.
Nach weiteren Pausen erreichen wir dann endlich in der Dämmerungsphase
Stovepipe Wells. So annähernd 69 km sind geschafft. Alfred ist guter Dinge
und freut sich wie auch wir auf ein schönes Abendessen im
klimaanlagengekühlten Restaurant. Vorher mache ich ihn noch auf seine
gebräunten weißen Hosen aufmerksam und er wechselt nun in ein
dunklerfarbenes Beinkleid ....
Das Restaurant ist zu 80 % leer. Trotzdem müssen wir warten, bis die
Einweiserin kommt. Als ich sie darauf lautstark aufmerksam mache, dass wir
im Rennen sind, weist sie uns mit zornesfaltigem Gesicht einen Katzentisch
direkt am Eingang zur Küche an. Was soll’s, wir lachen und laben uns am
wirklich brauchbaren Dinner.
Nach dem Rennen begeben wir uns zu einem Motelraum, der von unserer
Organisation extra zur Pausenverbringung unserer Gruppe angemietet wurde.
Das Rennen hat in unserem Team erste Opfer gefordert. Henry Wibbeg, ein
41jähriger Kriminalpolizist liegt mit Kreislaufkollaps auf einem Bett
darnieder. Der 50jährige Dietrich Knoblich hat blutende Blasen an beiden
Füssen und will nicht mehr weiter. Eine Woche zuvor hat er noch in Finnland
am Polarkreis seinen hundertsten Marathon in schneller Zeit gefinisht und
jetzt Badwater-Ultra. Es ist zu viel. Ich muss hören, dass es unserem
allseits beliebten Teamleader Holger Finkernagel auch nicht gut gehen soll.
Er ist aber noch im Rennen und quält sich gegenwärtig den Townes Pass
hinauf.
KFZ-Probleme am Townes Pass
Wir betanken unser Fahrzeug, nehmen neues Eis für die Kühlboxen auf und
Alfred’s Passion geht weiter. Wenige Kilometer hinter der Oase geht es jetzt
steil bergauf, dem oben erwähnten Townes Pass entgegen. Die Temperatur wird
angenehmer, denn ca. alle 300 Höhenmeter wird es 1° C kühler. Zur
Orientierung: Stovepipe Wells liegt exakt auf Meeresniveau und der Townes
Pass bei ca. 1.800 m. Ich steige jetzt als Läufer ins Rennen ein und
begleite Hintzmann zu Fuß. Wir kommen an einem Fahrzeug vorbei, wo sich
erschütternde Szenen abspielen: Ein jugendlicher Läufer steht davor, zittert
entsetzlich am ganzen Körper und schließlich übergibt er sich mit einem
Riesenschwall. Langsam marschieren wir den Berg hinauf, sehen vor und hinter
uns die Lichter von Konkurrenten und überholen nie und werden auch nicht
überholt. Die Leute scheinen jetzt ein gewisses Einheitstempo zu laufen.
Aber schon lange ist Karsten mit dem Auto nicht mehr an uns herangefahren.
Was ist los? Ich vermute, dass der Wagen wieder nicht will. Wir betteln
andere Fahrer um Getränke an. Jetzt machen wir eine Pause, indem wir uns am
Straßenrand auf die Erde setzten. Irgendwann hält dann auch mit einem PKW
Monika, die Freundin von Holgers Sohn, bringt uns Getränke und verkündet,
dass unser Supporterfahrzeug nicht mehr anspringen will. Es ist so wie ich
es vermutet habe.
Sie lässt verlauten, es läge an der Batterie, wenn diese nicht wieder
aufgeladen werden könnte, wäre Alfred aus dem Rennen. Was für ein Quatsch,
es sind doch schon Läufer aus dem Rennen ausgestiegen, deren
Supporterfahrzeuge sind demnach doch vakant und könnten uns zur Verfügung
gestellt werden. Alfred und ich regen uns jetzt natürlich mordsmäßig auf
über dieses nicht durchdachte simple und unkameradschaftliche Verhalten von
Seiten Monikas. Und tatsächlich nach 1 ½ Stunden kommt Karsten. Die Batterie
ist aufgeladen. Es kann also weitergehen. Am Pass selbst machen wir nun eine
mehrstündige Schlafpause.
Nach Panamint-Springs
In der Morgendämmerung werden wir von Alfred geweckt, er will weiter, hat
er doch soeben Herbert Hausmann an uns vorübergehen sehen. Karsten braucht
noch mehr Schlaf und wird nun von einer Sprechstundenhilfe der Praxis Dr.
Holger Finkernagel mit dem Supporterfahrzeug Henry Wibbegs abgelöst. Sie
nimmt es sehr genau und fragt alle 100 m Alfred nach seinem Befinden ....
Nun geht es steil bergab, dem Panamint Valley entgegen, ein Nachbartal des
Death Valley, aber im Talgrund genauso heiß. Die Erde sieht hier aus wie ein
anderer Planet. Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, dass
außerirdische Lebewesen bei einer Landung die Erde zum unbewohnbaren Ort
erklären würden. Die Realität ist völlig anders: Der Death Valley
Nationalpark, der außer dem eigentlichen Todestal auch noch die umliegenden
Gebirge und Täler umfasst = insgesamt 13.355 km² ist voller Leben. Insgesamt
über 970 Pflanzenarten und einige 100 Tierarten sind hier heimisch, manche
sogar endemisch. Erwähnenswert ist z.B. die Stachelkiefer, die knotige Äste
hat und die vom Wind und Eisregen verbogen werden, kommt in höheren Lagen
vor und ist mit über 4.000 Jahren die älteste noch existierende Pflanzenart
der Welt. Man bedenke, diese Lebensformen existierten schon lange bevor die
meisten uns bekannten altägyptischen und später einbalsamierten Pharaonen
das Licht der Welt erblickten. Im Gegensatz dazu führt der Mensch, die Krone
der Schöpfung, ein Eintagsfliegenleben.
Alfred kommt leidlich voran. Er überholt jetzt sogar den 57jährigen
Kanadier und einen Franzosen von Anfang 50. Der Weg geht steil nach unten.
Jetzt werden wir von einer Ärztin, die von der Rennorganisation beauftragt,
Patrouille fährt, nach unserem Befinden gefragt. Sie ist das Rennen
vergangenes Jahr auch gelaufen und war um diese Zeit auch an dieser Stelle
und hätte dann mit 52 Stunden gefinisht. Diese Kunde hören wir gerne und
Alfred freut sich. Den ganzen Morgen und frühen Mittag geht es nach unten
zum Grunde des Panamint-Tals. Die Talsohle ist ca. 1,5 Meilen breit und
stellt ein trocken gefallenes Flussbett dar. Dass es zuweilen hier stark
regnet, sieht man an den Sedimentaufschüttungen diesseits und jenseits der
Straße mit über 1 m Höhe. Nach solchen Regenfällen muss der Weg immer wieder
mit Planierraupen freigeräumt werden. Flott marschiert unser Alfred, doch an
seiner Gesichtsmimik kann ich seine Anspannung bemerken. Er beschwert sich
selten, doch die Körpersprache hat auch eine starke Aussagekraft. Hintzmann
ist müde, sehr, sehr müde. Jenseits des Talgrundes wird nun der Panamint
Springs Resort erreicht, es ist die 3. Zeitmessstation, über 100 km sind nun
zurückgelegt und es besteht doch die Möglichkeit in einem Zimmer auf
Feldbetten zu schlafen. Es ist nun so gegen 15.00 Uhr und unser Held begibt
sich zu seiner wohlverdienten Ruhe.
Pause im Panamint Spring Resort
Karsten wechselt jetzt wieder die Finkernagelsche Sprechstundenhilfe ab
und wir finden Platz auf einem Sofa zum Ruhen. Nach ca. 2 Stunden vertreibt
uns die Putzfrau. Wir gehen nun in das Restaurant und nehmen ein Mittagessen
zu uns. Anschließend ruhen wir noch draußen auf Liegestühlen in der Hitze.
Gerauer ist inzwischen auch eingetroffen, total erschöpft, hat er sich ein
Zimmer gemietet und fällt in einen tiefen Schlaf. Seine Begleiter Angela und
Edgar geben keinen Pfifferling aufs Finishen ....
Hier erlebte viele Stunden zuvor auch der Favorit Robert Wimmer sein
Waterloo. Tatsächlich ist er das Rennen viel zu schnell gelaufen und im
Panamint-Tal kollabiert. Mit allerletzter Kraft schleppte er sich zur
Hotelanlage und meldete sich bei der Zeitmessstation vom Rennen ab. Er gibt
auf .... Legt sich schlafen. Nach 4 Stunden wird er wach und muss
feststellen, dass seine Begleitmannschaft ihn zwischenzeitlich wieder
angemeldet hatte. Nun läuft er weiter .... Ein Hero ....
Es geht in die zweite Nacht
Es sind nur noch einige wenige Läufer in der Anlage, als wir uns zum
Aufbruch fertig machen. Ich beschließe, jetzt endgültig in das Rennen
einzusteigen und Alfred bis zum Ziel noch ca. 110 km zu begleiten. Es geht
wieder steil bergan, viele, viele Kilometer. Immer wieder muss ich Alfred
vertrösten, der stets die gleiche Frage stellt: Wann, wann endlich ist der
Pass erreicht? Es kommt mir so vor, als wäre ich 20 Jahre zurückversetzt und
führe mit meinen damaligen Kleinkindern in Urlaub. Papa, sind wir gleich da?
....
Die ganze Zeit hatte Alfred die Psychotests über sich ergehen lassen und
hat auch artig sein Blut zapfen lassen, immer wieder nach jeweils 21 km. Da
ich doch erkennen kann, dass seine Kraft schwindet, empfehle ich ihm,
Prioritäten zu setzen und die Tests und Blutspenden für eine Weile
auszusetzen, zumal ich mittlerweile mitbekommen habe, dass sogar Holger
kollabiert ist und aus dem Rennen rau musste.
Der 3. Marathon ist geschafft und als Karsten ihm zum "Melken"
auffordert, lässt er brav wie er nun mal ist, die Prozedur über sich ergehen
.... Dies kostet natürlich Zeit und viel Kraft, denn Blut ist nun mal ein
ganz besonderer Saft. Immer wieder rede ich auf ihn ein, erkläre, dass das
Gröbste nun überstanden sei und nun sehr bald vieles leichter würde. Und
tatsächlich, noch in der Dämmerungsphase erreichen wir Father Crowly’s Point
und haben somit die Hitzehölle hinter uns gelassen. Jetzt geht es nur noch
relativ gemächlich bergan und weitere 16 km später haben wir den höchsten
Punkt, Darwin, erreicht. Hier befindet sich die 4. Zeitmessstation. Wir sind
noch voll in der Zeit und sehen, dass es von nun an über weite Strecken
leicht bergab zu laufen ist. Wir erkennen das an den viele Kilometer vor uns
fahrenden Supporterfahrzeuglichtern, die wie eine Lichterkette an einem
Platz bewegungslos zu verharren scheinen.
Jetzt kommt ein Kontrollfahrzeug der Rennorganisation und der Fahrer
nennt die Startnummer von Alfred, die er gar nicht sehen kann, da er eine
Leuchtjacke darüber gezogen hat. Daran merken wir, dass die Kontrolle doch
effektiv ist. Die Kontrolleure tragen jeweilige Laufzeiten ein und
kontrollieren dann an den Zeitmessstationen. Bei zu großen Diskrepanzen
erfolgt dann die Disqualifikation, da erkennbar wird, dass etwas nicht mit
rechten Dingen zugegangen ist ....
Wir laufen jetzt unter einem gigantischen Sternenhimmel, denn nirgends
gibt es - von den wenigen Fahrzeugen abgesehen - irdische Konkurrenzlichter.
Hier hat sich die Welt seit hunderttausenden von Jahren nicht verändert. In
der Ferne höre ich jetzt Kojotengeheul, so wie es mir von den Indianerfilmen
Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre geläufig war. Viele Fledermäuse
flattern über uns und die Luft ist voller Insekten. Auch einem Skorpion kann
ich auf der Straße ausweichen. Diese Spezies ist eine Lebens- und
Zeitgenossin und hat Recht auf Leben.
Schon lange unterhalten wir uns nicht mehr, da die aufkommende Müdigkeit
das Kommunikationsverlangen gegen Null tendieren lässt. Meist lauf ich 2 - 5
m vor Alfred. Ich muss ihn ziehen. Öfters verfallen wir, da es moderat
bergab geht, in leichtes Joggen, da man damit besser gegen die Müdigkeit
ankämpfen kann.
Von schäferhundgroßen Kaulquappen, Schneewehen und auf der Mitte der
Straße gebauten hohen weißen Mauern
So geht es über Stunden und wir kommen gut voran, zumal die Temperatur
für uns jetzt äußerst angenehm ist, so ungefähr 30° C. Mittlerweile haben
wir das Gelände des Death Valley Nationalparks verlassen, von der
Landschaftsstruktur ändert sich jedoch nichts. Aber was ist das? ....
Plötzlich sehe ich auf der Straße Kaulquappen in der Größe von Deutschen
Schäferhunden vor mir auf der Straße herumwuseln und sehe überall diesseits
und jenseits der Straße große Schneewehen. Ich spreche Alfred darauf an ....
Nein, Kaulquappen in Schäferhundgröße seien ihm noch nicht begegnet, auch
Schneewehen hat er noch keine zu Gesicht bekommen, doch würde es ihm immer
größere Mühe bereiten, über die hohe weiße Mauer, die mitten auf die Straße
gebaut wurde, zu springen. Ich nehme diese Phänomene nun wahr, was sie in
der Realität sind, Halluzinationen nämlich. Die sind bei uns ja noch
harmlos, andere haben schon Flugsauriers sich entgegenfliegen sehen, ein
anderer beobachtete schon den Teufel, als er mit dem Dreizack auf der Straße
vor ihm tanzte.
Nun gut, es ist Zeit etwas zu entspannen, sich im Van niederzulegen und
ein bisschen zu schlafen. Gesagt getan. Es ist bereits hell, als Alfred mich
weckt. Die erste Frage: Haben wir denn noch eine Chance, das in der Zeit
hinzubekommen? Ich schaue auf die Uhr und sage, auf jeden Fall, allerdings
wir müssen uns jetzt sputen. Für mich hat der Schlaf ausgereicht und kann
locker joggen. Alfred leider nicht. Er hat fürchterliche Schmerzen in den
Füßen und läuft wie auf Eiern und wird immer langsamer. Mittlerweile wird
Karsten als Begleitfahrer wieder abgelöst und drei Finkernagelsche
Angestelltinnen übernehmen die weitere Sanitätshilfe.
Alfred im Jammertal
Von ihnen lässt er sich jetzt seine Füße behandeln. Ja überall hat er
Blasen, die zum Teil schon blutig sind. Fachmännisch werden die Füße
verarztet, aber ach, es kostet Zeit, viel Zeit. Zeit, die wir zum
pünktlichen Finishen einfach nicht mehr haben. Den 4. Marathon hat er
überstanden und wieder gibt er sein Blut .... Ich weiß, dass es andere schon
lange nicht mehr tun.
Es kommt, wie es kommen musste; plötzlich hält das Supporterfahrzeug von
Alfred Gerauer hinter uns, der Supporter Edgar Kluge steigt aus .... Ja,
Gerauer habe sich nach Panamint Springs prächtig erholt und hat
ausgerechnet, dass er es in der Zeit noch schaffen kann und ist wieder
voller Optimismus. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten kommt Gerauer im
flotten Marschschritt und strahlt. Anerkennend klopfe ich ihm auf die
Schulter und glaube ihm, dass er es schafft ....
Und bei Hintzmann hat eine total gegenläufige Entwicklung eingesetzt. Er
beginnt zu verzagen. Das schaffe ich nie und nimmer, lässt er verlauten. Ich
halte dagegen, dass er es wohl noch schaffen könne und dann in das
Guiness-Buch der Rekorde kommen würde, als ältester Badwaterfinisher aller
Zeiten.
Unerwartet taucht nun ein freischaffender Kameramann auf, der für den NDR
über Alfred Hintzmann einen Videofilm dreht, denn Alfred wohnt im Hamburger
Umfeld. Eine wunderbare Veränderung im Wesen von Alfred findet statt, als er
sich im Focus der Kamera sieht. Sein Körper verjüngt im Zeitraffer und er
geht in einer Schnelligkeit und Eleganz, die dem Werbemann von Johnny Walker
Whiskey alle Ehre machen würde. "He is still going strong!”
Doch sobald die Kamera nicht mehr auf ihn gerichtet ist, fallen seine
Schultern wieder nach unten und wird langsamer. Immer öfter gibt er den
Verlockungen des Finkernagelschen Triumvirats nach und macht Pausen. Ich
fordere ihn schärfer auf, das nicht zu tun. Die Sanitätsmädels feinden mich
an: "Bernhard, der Puls von Alfred ist doch viel zu hoch, willst Du ihn ins
Grab bringen?"
Uh, das hat gesessen. Ich sage jetzt nichts mehr und trotte langsam neben
ihm her. Es ist schon seit langer Zeit nicht mehr mein Gehrhythmus und es
ermüdet mich sehr. Die Hoffnung, in der Zeit mit Alfred ins Ziel zu kommen,
gebe ich auf, da er mittlerweile alle paar hundert Meter pausiert. Ich quere
auf einer Brücke noch mit ihm den Owens River, schaue über das
Brückengeländer in den Fuß und sehe .... riesengroße Kaulquappen. Sofort
muss ich an die Halluzinationen der vergangenen Nacht denken -
Halluzinationen jetzt, sollten nicht sein - und frage Alfred was er sieht.
"Große Kaulquappen" .... Ah ja, jetzt fällt mir ein, dass es in USA doch
Ochsenfrösche gibt .... Es ist alles in Ordnung!
Jetzt kommt noch die Frau von Prof. Benecke zu ihm, holt ihn in den Arm
und geht ganz langsam neben ihm her. Meine Anwesenheit ist jetzt sinnlos,
muss ich konstatieren und besteige das Supporterfahrzeug und lasse mich im
Hotel, wo unsere Gruppe untergebracht ist, absetzen.
Ich habe meine Schuldigkeit getan, mehr konnte ich nicht tun ....
Von den 10 gestarteten Läufern unseres Teams erreichten 6 das Ziel in der
vorgegebenen Zeit. Gerauer hat es tatsächlich geschafft und kam nach knapp
59 Stunden am Mount Whitney-Portal an. Er wuchs über sich selbst hinaus und
entwickelte ungeahnte und ungeheure Kräfte bei den letzten 16 km, die es
steil bergan ging. Er war diese letzte Teilstrecke fast so schnell wie
Robert Wimmer, der als 9. Sieger das Rennen beendete. Respekt und
Hochachtung für diese Leistung Alfred Gerauer.
Aber auch Alfred Hintzmann ist ein Held, 200 km am Stück bei diesen
klimatischen Bedingungen als 70jähriger ist eine bewundernswerte und tolle
Leistung. Meinen Glückwunsch und Hochachtung.
Nachwort
Ich habe das Badwaterrennen nun hautnah miterleben können, und weiß, wie
ich es angehen muss, um erfolgreich zu sein. Erfolgreich sein, bedeutet für
mich anzukommen in der Zeit, wann ist nicht wirklich wichtig, auch die Zeit
von Gerauer würde mir völlig genügen. Ich habe gesehen, dass es ganz wichtig
ist, Supporter zu haben, die sich auf der gleichen geistigen Wellenlänge
befinden. Hintzmann hätte es schaffen können, hätte er diese gehabt. Aber
die letzten 25 km wurde er geradezu paralysiert. Man stelle sich Alfred als
Pferd vor, das vor eine Kutsche gespannt ist. Auf dem Kutschbock sitzen 2
Kutscher. Der eine gibt die Peitsche = das war ich, der andere zieht die
Zügel an = die Krankenhelferinnen der Finkernagelpraxis, die Hintzmann nicht
als Sportler, sondern als Patienten angesehen und folglich auch so behandelt
hatten. So konnte es nicht klappen.
Ganz wichtig: Supporter müssen Freunde und auch Sportler sein!
Wenn Chris Costman mich einlädt, werde ich in 2005 Teilnehmer des
Badwater-Ultramarathons sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich finishen
werden, schätze ich als hoch ein.
©
Bernhard Sesterheim, 09. Dezenber 2004